Friedrich Adler, Sohn des prominenten Arztes und sozialdemokratischen Politikers Viktor Adler, erregte im Oktober 1916 großes Aufsehen als er aus Protest gegen die kriegstreiberische und autoritäre Staatsführung den österreichischen Ministerpräsidenten Karl Graf Stürgkh erschoss. Seine aufsehenerregende Verteidigungsrede vor Gericht, die bei vielen Kriegsgegnern Anklang fand, machte ihn zu einem Symbol der Friedensbewegung.
Ursprünglich zu Tode verurteilt, wurde Friedrich Adler zu lebenslangem Kerker und schlussendlich zu 18 Jahren Zuchthaus begnadigt. Während seiner Haft setzte sich einer seiner wichtigsten und engsten Freunde für ihn ein, nämlich Albert Einstein. Mit Einstein verband Adler nicht nur dasselbe Studium der Physik, sie promovierten auch im selben Jahr, heirateten im selben Jahr – beide jeweils eine Studienkollegin aus Osteuropa; und später teilten sich die Familien Adler und Einstein sogar ein Haus.
Am 9. November 1918 wurde Friedrich Adler gemeinsam mit dem Bruder des christlichsozialen Politikers Leopold Kunschak, Paul Kunschak, begnadigt. Letzterer hatte 1913 den prominenten Sozialdemokraten Franz Schuhmeier ermordet. Da Viktor Adler erst am Abend des 9. November von seiner Freilassung informiert wurde und zu dieser späten Stunde keine Züge mehr nach Wien verkehrten, verbrachte er noch eine Nacht in seiner Zelle im Gefängnis Krems-Stein. Adler verließ Krems am 10. November 1918 mit dem Frühzug um 6:34 Uhr und wurde am Wiener Franz-Josefs-Bahnhof von seinem Vater und Bruder empfangen.
Am 10. November 1918 berichteten die Wiener Bilder über die Freilassung des Helden vieler Pazifisten:
"Da Friedrich Adler nun das Gefängnis verläßt und in unsere Mitte zurückkehrt, wird im ganzen Lande und weit darüber hinaus, wieder in der ganzen Welt Freude und Begeisterung die Herzen füllen. Denn durch seine Tat, mit der er sein Leben zum Opfer darbringen wollte, um die Geister zu wecken und zum Widerstande gegen den fluchwürdigen Krieg zu waffnen: durch seine gewaltige Rede vor dem Gericht, eine Anklagerede gegen alles Schlechte und Kranke, das die Welt in Fesseln hielt, hat sich Friedrich Adler dem Bewußtsein der ganzen Menschheit als der heldenhafte Kämpfer gegen das grausige Unrecht der Zeit tief eingeprägt. Sein Name ist gleichsam zum Symbol des Befreiungskampfes geworden, den tapfere Menschen und edle Seelen gegen den Krieg allerorten führen: und wo der Sinn für Kraft und Empfindungen nicht erloschen war, wurde die Liebe zu Friedrich Adler, die Bewunderung für ihn überlebendig."
Nach dem Krieg vertrat Friedrich Adler die österreichische Sozialdemokratie in der konstituierenden Nationalversammlung und war von 1920 bis 1923 Abgeordneter zum Nationalrat. 1923 legte er seine politischen Ämter nieder und wirkte am Wiederaufbau der Sozialistischen Arbeiterinternationale mit. 1940 emigrierte er nach New York, um 1948 nach Europa zurückzukehren, wo er fortan in Zürich lebte. Adler blieb bis zu seinem Tod der großdeutschen Idee im Rahmen der Sozialdemokratie verbunden, was dazu führte, dass ihn die Parteiführung nicht zur Heimkehr nach Wien einlud.
Friedrich Adler verstarb am 2. Jänner 1960 in Zürich und wurde nach Wien überführt, wo er am Zentralfriedhof an der Seite der sozialdemokratischen Politiker Engelbert Pernerstorfer (1918), Victor Adler (1918), Otto Bauer (1938) und Karl Seitz (1950) begraben wurde. Seit 1989 ist der Friedrich-Adler-Weg in Wien-Favoriten nach ihm benannt.
Links:
Friedrich Adler frei! (Wiener Bilder vom 10. November 1918)
Die Enthaftung Friedrich Adlers (Arbeiterwille vom 10. November 1918)
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Weiterlesen: Friedrich Adler (inkl. Anklageschrift)