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Von Tag zu Tag 1917 bis 1919

12. November 1918

Die Ausrufung der Republik Deutsch-Österreich vor dem Wiener Parlament am 12. November 1918
Die Ausrufung der Republik Deutsch-Österreich vor dem Wiener Parlament am 12. November 1918; © Wiener Bilder vom 17. November 1918

Der 12. November 1918 wurde offiziell zum Feiertag erklärt, an dem alle Geschäfte geschlossen bleiben mussten, denn an diesem Tag sollte die Proklamation des neuen deutsch-österreichischen Staates erfolgen. Mehr als 100.000 Menschen – wie man heute schätzt – versammelten sich an diesem nasskalten Novembertag auf der Wiener Ringstraße vor dem Parlament.

Bevor aber die Parlamentarier ihre Sitzung kurz vor 16 Uhr unterbrachen, um die wartende Menge von der Staatsgründung zu informieren, fiel in der provisorischen Nationalversammlung die Entscheidung über das von Staatskanzler Karl Renner vorgelegte Gesetz, das "Deutschösterreich" zur demokratischen Republik erklärte. Nach der einstimmigen Annahme dieses Gesetzes legte Renner der Nationalversammlung auch noch den Text einer Proklamation vor, der das "deutschösterreichische Volk" über die Ausrufung der Republik informieren sollte. Auch der Text dieser Proklamation wurde einstimmig angenommen.

Anschließend begaben sich die Abgeordneten auf die Parlamentsrampe, wo zunächst der Präsident der Nationalversammlung, Franz Dinghofer, Begründer des Deutschen Volksbundes, einleitend über die Gründung Deutschösterreichs berichtete und das Wort an Staatskanzler Renner übergab, der das Gesetz über die Staats- und Regierungsform Deutschösterreichs sowie die Proklamation über die Gründung der Republik verlas. Als letzter sprach der spätere Präsident der Nationalversammlung Karl Seitz.

Während Karl Renners Rede kam es zu einem Putschversuch der "Roten Garde" unter Führung des Journalisten Egon Erwin Kisch. Es gelang den Rotgardisten die weißen Streifen aus den rot-weiß-roten Fahnen zu entfernen, sodass nur die zusammengeknoteten roten Stoffreste gehisst wurden. Der darauf folgende Tumult forderte 2 Todesopfer, wobei eine Massenpanik glücklicherweise verhindert werden konnte.

So beschrieb die Neue Freie Presse die Ereignisse, die sich ab etwa 16 Uhr vor dem Parlamentsgebäude abspielten:

"Nur ein rotes Fahnentuch wird sichtbar und es vermag sich nicht auszubreiten. Man sieht aus der Farbe, daß der Stoff des Banners zerrissen und zerschlissen ist. Der harrenden Menge bemächtigt sich eine gewisse Nervosität. Die erwartungsvolle Stille, mit der man das Hissen der Fahne verfolgt hatte, geht urplötzlich in ein unruhiges, schier verlegenes Murmeln über […] 'Die Maschinerie hat nicht geklappt und das Fahnentuch ist zerrissen' trösten die einen. 'Der Beschluß oben im Saal muß umgestoßen worden sein!' meinen achselzuckend die anderen. Erst später erfährt ein Teil, was in Wirklichkeit geschehen war. Demonstranten, die in der Nähe der Maste aufgestellt waren, hatten die rot-weiß-rote Fahne zerrissen und veranlaßt, daß nur der rote Fahnenteil als Banner und Symbol der sozialistischen Republik auf den Mast aufgezogen werde.

Oben auf der Rampe schloß Präsident Dr. Dinghofer seine Ansprache mit einem Heilruf auf Deutschösterreich und räumte den Rednerplatz dem Staatskanzler Dr. Renner, der jetzt das Gesetz über die Staats- und Regierungsform von Deutschösterreich und die von der Nationalversammlung erlassene Proklamation an das deutschösterreichische Volk verlas. Der dritte und letzte Redner war Präsident Seitz [...] 'Bauer und Bürger,' führte der Redner aus, 'müssen mit den Arbeitern zusammenwirken. Niemand hat das Recht, mit physischer Gewalt den andern zu unterjochen.' Präsident Seitz schloß seine Ansprache, indem er den Tag feierte, an dem die Millionen in ganz Oesterreich über die alte Zeit der feudalen Rechte, über die alte Zeit der Gewalt, über die alte Zeit der Kulturlosigkeit triumphieren, und brachte ein Hoch auf den neuen Staat, das neue Deutschösterreich, die neue deutschösterreichische Republik aus."

Links:
Die Ausrufung der Republik (Neue Freie Presse vom 13. November 1918)
Heute vor 100 Jahren: Die Gründung der Roten Garde (1. November 1918) 

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