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Von Tag zu Tag 1917 bis 1919

15. November 1918

Egon Dietrichstein mit seinen Kaffeehaus- und Tarockfreunden, dem Chansonnier Franz Elbogen und dem Rechtsanwalt Hugo Sperber
Egon Dietrichstein (sitzend) mit seinen Kaffeehaus- und Tarockfreunden, dem Chansonnier Franz Elbogen (links, mit Hut) und dem Rechtsanwalt Hugo Sperber, Wien um 1912; © Gemeinfrei

Ab 1893 erschien das Neue Wiener Journal, das von Jakob Lippowitz herausgegeben wurde. Die Blattlinie des als "unparteiisch" firmierenden Blattes war tendenziell konservativ und monarchiefreundlich, enthielt sich aber antisemitischer Ausfälle, was auf die jüdische Herkunft Lippowitz' zurückzuführen ist. Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme wurde das Neue Wiener Journal im Jahr 1939 mit der Neuen Freien Presse und dem Neuen Wiener Tagblatt fusioniert.

Zu den bekanntesten Autoren des Journals zählten der "Erfinder" der Sozialreportage Max Winter, der Schriftsteller und Theaterdirektor Hermann Bahr, Lina Loos und Egon Friedell. Auch Egon Dietrichstein zählte zu den Mitarbeitern. Während des Ersten Weltkriegs wurde letzterer gemeinsam mit Autoren wie Alfred Polgar, Rainer Maria Rilke oder Stefan Zweig der "Literarischen Gruppe" des Kriegsarchivs zugeteilt, die Kriegspropaganda produzieren musste. Nach dem Krieg lebte Dietrichstein als Bohemien, war regelmäßig in finanziellen Schwierigkeiten und wurde vom stadtbekannten – von Friedrich Torberg in dessen Buch "Die Tante Jolesch" porträtierten – Rechtsanwalt Hugo Sperber unterstützt. Üblicherweise traf man Dietrichstein entweder im Café Museum oder im Café Central an.

Am 15. November 1918 veröffentlichte er im Neuen Wiener Journal ein Porträt des Journalistenkollegen und Kommandanten der zwei Wochen zuvor gegründeten Roten Garde Egon Erwin Kisch:

"Egon Erwin Kisch gehört zu den Vielseitigen. Mehr noch: zu den Vielseitigsten. Das Schreiben kann er so nebenbei. Er war in Berlin Dramaturg und turnte sich zum 'Berliner Tageblatt' hinauf. Auch die Politik ist eine belanglose Zugabe, auf die es bei einem solchen Reichtum an Talenten kaum ankommt. Er ist ein Konversationslexikon, das einen mit allem unterrichten kann, was seit dem Bestehen der Welt auf allen Planeten vorging. Er ist vor allem ein biographisches Lexikon, das über Persönlichkeiten, selbst wenn sie kaum Persönlichkeiten sind, eingehend referiert. Er könnte damit im Varieté auftreten. Aber es wäre für Egon Erwin Kisch beschämend, nur in einer Nummer aufzutreten. Fregoli könnte von ihm lernen, wie man sich zu allen nur denkbaren Verwandlungen und Verkleidungen verrenkt, er jongliert, er zaubert, er ist der beste Tänzer, der beste Schwimmer und der beste Deklamator…, der erste Dilettant und der beste Künstler. Und hat daneben noch einige Spezialitätentricks – Durchaus originell! Noch nie dagewesen! Ein Sensationsrekord allerersten Ranges!: Man bringe ihm irgendein Buch, man stöbere es aus den Geheimkammern eines Archivs auf, man hole es aus den verstaubtesten Bibliotheken, man zerbreche sich den Kopf nach dem verstecktesten verbotensten, seltensten, noch von niemandem gesehenen Werk und trage es zu Egon Erwin Kisch und schlage eine Seite auf. Bitte, meine Herren und Damen, Egon Erwin Kisch sieht nicht den Einband, nicht den Titel, sehen Sie und staunen Sie, Egon Erwin Kisch liest nur einige Buchstaben, und Egon Erwin Kisch nennt den Titel, den Autor – und nun kommt das Verblüffendste, die Glanznummer des Exzentriques, dasjenige, das man das Wunder, das Ueberirdische, das vollkommen Rätselhafte nennen muß – Egon Erwin Kisch kennt den Verlag und die Jahreszahl. Und nun spannen Sie ein Seil in die Luft und Erwin Egon Kisch wird darauf tanzen. Bringen Sie ein Reck und er wird die Riesenwelle ausführen, wie Sie es noch nie in Ihrem Leben gesehen haben, nie sehen werden. Egon Erwin Kisch wäre eine Akquisition für Barnum und Bailey […] Und weil er alles kann, haben wir noch mancherlei von ihm zu erwarten. Wenn noch ein neuer Erdteil zu entdecken ist, Egon Erwin Kisch-Crusoe wird ihn sicherlich auffinden. Weil aber nun just die Welt so klein geworden, der Verkehr mit den Abenteurern eingestellt, der Zutritt zur Fremdenlegion gesperrt ist, wurde Egon Erwin Kisch Kommandant der Roten Garde. Aus Begeisterung, aus Überzeugung. Und dann, um zu zeigen: daß er auch das kann…"

Links:
Der Kommandant der Roten Garde. Ein Porträt von Egon Dietrichstein (Neues Wiener Journal vom 15. November 1918)
Heute vor 100 Jahren: Die Gründung der Roten Garde (1. November 1918)

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