Am 17. November berichteten die Wiener Medien über die Freilassung von Milada Jarouschek aus dem Wiener Landesgericht für Strafsachen. Jarouschek war eine aus Böhmen stammende amerikanische Staatsbürgerin, die als Sprachlehrerin in New York lebte. Sie wurde im Sommer 1918 als Spionin zu Tode verurteilt, nach dem Zusammenbruch der Monarchie allerdings wieder auf freien Fuß gesetzt:
"Milada Jarouschek […] wurde nach Prag entsendet, um die Propaganda für einen Sonderfrieden Oesterreich-Ungarns mit der Entente einzuleiten und über die Stimmung der tschechischen Führer zu berichten; außerdem hatte sie den Auftrag, den deutschen Botschafter Grafen Bernstorff, der wie sie die Ueberfahrt mit dem Dampfer 'Frederik III.' machte, zu überwachen und zu belauschen. In Saßnitz wurde sie verhaftet und nach Oesterreich ausgeliefert. Hier wurde sie nach fünfzehnmonatiger Untersuchungshaft im Juli dieses Jahres vom Landwehrdivisionsgericht wegen Verbrechens gegen die Kriegsmacht des Staates zum Tode durch den Strang verurteilt. Die Angeklagte war damals vollkommen geständig, behauptete jedoch, daß sie die einzige Rettung Oesterreichs in einem Sonderfrieden mit der Entente erblickt habe. Ihr Verteidiger Dr. Zeifahrt hatte den damaligen Minister des Aeusseren Grafen Czernin als Zeugen dafür geführt, daß ein solcher Sonderfriede geplant war, doch wurde Graf Czernin des Amtseides nicht entbunden und konnte deshalb nicht vernommen werden."
In der amerikanischen Darstellung liest sich der Falls etwas anders, da Frau Jarusek – so nannte sie sich in Amerika – offenbar für die tschechische Unabhängigkeitsbewegung aktiv war. Die "Rettung Oesterreichs" dürfte Milada Jarouscheks Versuch gewesen sein, ein milderes Urteil zu erwirken:
"Wie aus Zürich berichtet wird, wurde Fräulein Milada Jarusek, ein tschechisches Mädchen aus New York, wegen Spionage im Auftrag tschechischer Organisationen gegen Graf Bernstorff von einem österreichischen Kriegsgericht zu Tode verurteilt. Der frühere deutsche Botschafter ist den hiesigen tschechischen Funktionären gut bekannt. Fräulein Jarusek hat sich immer schon sehr für die Nationalbewegung ihres Herkunftslandes interessiert, und kehrte 1917 nach Böhmen zurück, um ihre notleidenden Verwandten zu unterstützen. Sie reiste auf demselben Schiff wie der deutsche Botschafter Bernstorff, wobei ihre Abreise nur wenigen ihrer engsten Freunde bekannt war. Es wird aber angenommen, dass einige von ihnen unabsichtlich in der Gegenwart deutscher oder österreichischer Agenten davon sprachen. Funktionäre des hiesigen tschechoslowakischen Nationalrats sagen, dass der Fall von Fräulein Jarusek ein Beweis dafür ist, wie ernst die österreichischen Behörden die tschechischen Unabhängigkeitsbestrebungen nehmen und sogar so weit gehen, Frauen zu erschießen." (aus dem Englischen übersetzt)
Unmittelbar vor Milada Jarouscheks Berufungsverhandlung, die für den 21. November 1918 angesetzt war, argumentierte ihr Anwalt, dass der "Oberste Landwehrgerichtshof" aufgrund der staatsrechtlichen Umwälzungen nicht mehr zuständig bzw. überhaupt obsolet sei. Nach ihrer Freilassung verlieren sich Jarouschek-Jaruseks Spuren, sodass davon auszugehen ist, dass der Prozess tatsächlich nicht weitergeführt wurde.
Links:
Aus dem Gerichtssaal: Die zu Tode verurteilte Agentin (Neues Wiener Tagblatt vom 17. November 1918)
She Sailed with Bernstorff: New York Girl Reported Sentenced to Die by Austria (Evening Public Ledger vom 30. Juli 1918, Philadelphia Pa., USA)
Heute vor 100 Jahren: Außenminister Czernin und die Sixtus Affäre (16. April 1918)