Am 18. März 1918 verstarb der Gouverneur der Österreichisch-Ungarischen Bank, der Jurist und Universitätsprofessor Ignaz Gruber Freiherr von Menninger. Der prominente Währungsstatistiker und Finanzpolitiker begann seine Karriere als Rechtspraktikant am Wiener Landesgericht und wurde aufgrund seiner Habilitationsschrift über die Währungsverhältnisse der Monarchie 1890 in das Finanzministerium berufen, wo er es bis zum Rang eines Sektionschefs schaffte. Ab 1893 wirkte er als Privatdozent für Statistik an der juridischen Fakultät der Universität Wien, an der er 1902 zum ordentlichen Universitätsprofessor berufen wurde. 1910 trat das auf Lebenszeit bestellte Mitglied des Herrenhauses des österreichischen Parlaments in den Ruhestand, wurde aber in den Umbruchstagen 1918 gebeten, den währungspolitischen Übergang von der Monarchie zur Republik mit seiner Fachexpertise zu begleiten. Das Fremdenblatt berichtete:
"Das Hinscheiden des Gouverneurs Dr. Freiherrn von Gruber hat allgemeines Bedauern hervorgerufen. Die Nachricht wirkte umso erschütternder, als Dr. Freiherr v. Gruber noch vorgestern bei bestem Wohlsein der Beratung im Staatsamt für Finanzen über währungspolitische Fragen beigewohnt hatte. In der jetzigen stürmischen Zeit war der Posten des Vizegouverneurs und Gouverneurs des Noteninstituts, den Gruber bekleidet hat, kein Ruheposten. Und mit einem Eifer und einer Tatkraft widmete er sich den so schwerwiegenden Valutaangelegenheiten, daß der hochbetagte Mann sich förmlich zu verjüngen schien. In den letzten Wochen des Vorjahres hatte er sich noch einem gewissen Optimismus hingegeben und die Hoffnung ausgesprochen, daß sich die Liquidation der Nationalstaaten würde vermeiden lassen. Dann aber folgten die Vorstöße des tschechoslowakischen Finanzministers, und es ist kein Zweifel, daß diese Durchbrechungen der Währungseinheit ihm persönlich sehr nahe gegangen sind, Sie konnten ihn allerdings in seiner Politik absoluter Neutralität den Nationalstaaten gegenüber nicht beirren, und er hielt an ihr fest, wenn sie auch mancherlei Anfechtungen ausgesetzt gewesen ist. Bei Freund und Gegnern aber genoß er gleich hohes Ansehen, und das Bedauern war gestern allgemein, daß der unermüdlich tätige Mann durch einen plötzlichen Tod seiner Wirksamkeit entrissen wurde. Vor wenigenTagen erst wurde die Ernennung Dr. Freiherrn v. Grubers zum Gouverneur und des Geheimen Rates Dr. Freiherrn v. Wimmer zum Vizegouverneur verlautbart."
Der 1842 geborene und aus großbürgerlichem Haus stammende Menninger war Mitglied des sozialdemokratisch geprägten Vereins "Die Flamme", die sich im katholisch geprägten Österreich für die in der Monarchie verbotene Feuerbestattung einsetzte. Ignaz Gruber Freiherr von Menningers sterbliche Überreste wurden deshalb in das heute in der Tschechischen Republik liegende Reichenberg (Liberec) überführt, wo sich das erste und einzige Krematorium auf dem Boden des ehemaligen Habsburgerreiches befand (erbaut 1915-1917).
Link:
Der Tod des Gouverneurs Dr. Freiherrn v. Gruber (Fremdenblatt vom 18. März 1919)