Am 19. November berichtete die Grazer Mittags-Zeitung über das Gebiet des späteren Burgenlandes, das heute als das territorial jüngste österreichische Bundesland gilt:
"Der Staatsrat hat heute folgende Beschlüsse gefaßt: 1. Der.Staatsrat erklärt: Die geschlossenen deutschen Siedlungsgebiete der Komitate Preßburg, Wieselburg, Oedenburg und Eisenburg (Eisenstadt) gehören geographisch, wirtschaftlich und national zu Deutschösterreich, stehen seit Jahrhunderten in innigster wirtschaftlicher und geistiger Gemeinschaft mit den Deutschen Oesterreichs und sind insbesonders der Stadt Wien zur Lebensmittelhaltung unentbehrlich. 2. Darum wird der deutschösterreichische Staat auf dem Friedenskongreß auf den Anschluß dieser Gebiete an die Republik Deutschösterreich bestehen […] Das Staatsamt für Volksernährung wird, beauftragt Einkäufer in die westungarischen Gebiete zu entsenden und Lebensmittel so rasch als möglich herbeizuschaffen, um von Wien die unmittelbar drohende Gefährdung der Volksernährung abzuwenden."
Der Gedanke die deutschsprachigen Gebiete Westungarns an die österreichische Reichshälfte beziehungsweise an Niederösterreich anzuschließen war aber schon etwas älter: Nach dem "Ausgleich" von 1867, der der Budapester Regierung in der ungarischen Reichshälfte weitreichende Rechte zugestand, betrieb diese eine radikale Magyarisierungspolitik, die außerhalb der ungarischen Volksgruppe zu großen Widerständen nicht nur in Kroatien, der Slowakei beziehungsweise in rumänischen und serbischen Gebieten, sondern auch in Westungarn führte.
Bemühungen verschiedener nationalen Organisationen wie im Falle Westungarns des "Vereins zur Erhaltung des Deutschtums in Ungarn" oder der Vereinigung "Deutsche Landsleute in Ungarn", die lange Zeit wenig Einfluss auf die Budapester Zentralregierung hatten, standen auf einmal im Zentrum der politischen Debatte, als im November 1918 die endgültige Trennung Österreichs von Ungarn entlang der Flüsse Leitha und Lafnitz im Raum stand. Den westungarischen Bauern drohte im Falle der Beibehaltung der historischen Grenzen auf einmal der Verlust des Absatzmarktes in Wien und tausende Wanderarbeiter wären um ihre Arbeitsplätze im niederösterreichischen Industrieviertel gebracht worden.
Erst 1921, nach zahlreichen gewalttätigen Konflikten und zähen Verhandlungen, wurde das Burgenland Teil des neuen Österreich und konnte am 18. Juni 1922 die erste Landtagswahl abhalten.
Links:
Die vier deutschen Komitate Westungarns gehören zu Deutschösterreich (Grazer Mittags-Zeitung vom 19. November 1918)
Heute vor 100 Jahren: Eine Wanderung von Wiener Neustadt nach Bad Sauerbrunn (8. September 1918)