Der neu ernannte Direktor des Burgtheaters Albert Heine – die Zeitungen brauchten einige Zeit, bis sie das Haus am Ring nicht mehr wie gewohnt als "Hofburgtheater" bezeichneten – sah sich gleich zu Beginn seiner Amtszeit am 21. November 1918 mit einer vernichtenden Kritik konfrontiert. Das interessante Blatt zerriss die Erstaufführung von Goethes "Die natürliche Tochter":
"Dass man es nur gleich sagt: Die angekündigte Inszenierung in einer den Stil der Goethezeit andeutenden Dekoration hat enttäuscht. Das Stilisieren der Bühne hat nur – gemalen auf Papier Erfolg, mitverwirkt mit dem Leben auf der Bühne muß es abgelehnt werden. 'Dort oben hielt ich, dort vermaß ich mich herabzureiten', deklamiert Eugenie und weist dabei statt auf eine jäh abfallende Felswand auf einen weißen Riesenvorhang. Außer dieser Ueberraschung brachte der Abend nichts Bemerkenswertes […] Noch ist die Stellung des ehemaligen Burgtheaters im Kunstleben der neuen Republik Deutsch-Oesterreich noch nicht festgestellt, nur zu hoffen ist, daß ein neues, freudiges Leben diesem mit der Kunstgeschichte eng verknüpften Institute entsprießen wird. Zu den Ursachen dieser Hoffnung zählt auch das mit Alexander Moissi getroffene Abkommen, das die Tätigkeit des Künstlers an dem Burgtheater sichert und das im Jahre 1920 in Kraft treten soll."
Der 1879 in Triest als albanischer Staatsbürger geborene und spätere Schauspieler Alexander Moissi galt als Mädchenschwarm und wurde trotz seines italienischen Akzents einer der berühmtesten Schauspieler im deutschsprachigen Raum. Max Reinhardt machte ihn in Berlin zum Superstar. 1914 meldete sich Moissi als Freiwilliger in die deutsche Armee und geriet in französische Gefangenschaft, aus der er 1917 als Austauschgefangener über die neutrale Schweiz entlassen wurde. 1918 schloss er sich zeitweise den linksradikalen Spartakisten an.
Moissis Lebensrolle am Theater sollte der Jedermann in Max Reinhardts Inszenierung von Hugo von Hofmannsthals gleichnamigem Stück am Salzburger Domplatz werden. Seine ausgedehnte Tourneereisen machten den Schauspieler auch international bekannt. 1933 verließ Moissi Deutschland und starb 1935 an den Folgen einer Lungenentzündung in Wien. Im Bezirk Wien-Donaustadt wurde nahe der Alten Donau die Moissigasse nach ihm benannt.
Links:
Vom Theater. Burgtheater (Das interessante Blatt vom 21.11.1918)
Heute vor 100 Jahren: Peinliche Szenen in einem Ibsendrama (4. September 1917)
Weiterlesen: Alexander Moissi als Hamlet (Tondokument aus 1917)