Während des Weltkriegs kam es immer wieder zu übereilten und unüberlegten Kriegstrauungen. Die lange Abwesenheit der Männer führte oft zur Entfremdung und Zerrüttung der jeweiligen Beziehung. Nach Kriegsende 1918 kam es deshalb vermehrt zu "Kriegsscheidungen" – diese Scheidungen waren zwar nicht eigens normiert, wurden aber als spezifische Form der Ehescheidung wahrgenommen. Einen besonders kuriosen Fall einer Kriegsscheidung beschrieb die Illustrierte Kronen-Zeitung am 25. November 1918:
"Ein als Hauptmann eingerückter Ingenieur hatte beim Zivillandesgericht die Trennung seiner […] Ehe verlangt, weil ihm seine Frau durch ihr heiteres Wesen auf die Nerven gehe. Seine Frau sei 'zu exaktem philosophischen Denken unfähig' und habe keinerlei Verständnis für seine wissenschaftlichen Bestrebungen. Es habe sich bei ihm eine derartige Abneigung gegen seine Frau herausgebildet, daß er, um weit weg von ihr zu sein, zum zweitenmal ins Feld zog, obwohl er wegen schwerer Erkrankung beurlaubt worden war. Um wieder einrücken zu können, mußte er Gesundheit simulieren. Die Gattin bestritt, daß eine Ehefrau verpflichtet sei, philolosophischen Problemen nachzuhängen, nur weil er für nichts anderes Interesse habe. Ihr Mann habe nicht einmal für die Geburt seines Kindes Interesse gezeigt, und sein Töchterchen, als es ein Jahr alt war, zum erstenmal angesehen […] Eine volle Stunde lang wurde über die heitere Gemütsart der Frau und den philosophischen Charakter des Mannes verhandelt."
Die Scheidung wurde schlussendlich ohne Verschulden einer der beiden Streitparteien, also einvernehmlich, ausgesprochen:
"Die heitere Frau nahm das Urteil sehr ernst und mit philosophischer Ruhe entgegen, während der ernste philosophische Gatte sicherlich heiter und froh darüber ist, sich wieder ungestört der Wissenschaft widmen zu können."
Links:
Die lustige Frau, der philosophische Mann und der vergessliche Richter (Illustrierte Kronen-Zeitung vom 25. November 1918)
Heute vor 100 Jahren: Die Ehelicherklärung (21. Juni 1918)
Heute vor 100 Jahren: Die Massenflucht aus der Ehe (12. Mai 1918)