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Von Tag zu Tag 1917 bis 1919

27. März 1919

Der neue Direktor der Wiener Musikakademie: Ferdinand Loewe
"Der neue Direktor der Wiener Musikakademie: Ferdinand Loewe, der populäre Dirigent des Wiener Konzertvereines"; © Wiener Bilder vom 6. April 1919

An der weltberühmten Wiener Musikakademie (heute Universität für Musik und darstellende Kunst) ging es nach dem Weltkrieg turbulent zu. Unter anderem wurden die berühmten Musiker Otakar Ševčík, Leiter der Geigenausbildung und der Pianist Jerzy (Georg von) Lalewicz, Pianist, Komponist und Klavierlehrer aufgrund ihrer Nationalität – Ševčík stammte aus Böhmen und Lalewicz war Pole – trotz Protests des Rektors der Akademie Wilhelm Bopp, der als deutscher Staatsbürger tatsächlich Ausländer war, auf Betreiben des zuständigen Ministers für Unterricht und Kultus Raphael Pacher entlassen. Pacher, der erste Unterrichts- und Kulturminister der Republik, war Anhänger des deutschnationalen Antisemiten Georg Ritter von Schönerer, gehörte mehreren deutschnationalen Burschenschaften an, und war Gründer der "Deutschradikalen Partei". Daneben schwelte auch innerhalb der Akademie ein Streit zwischen dem Präsidenten der Akademie Karl (von) Wiener, der die Akademie stärker als universitäre Einrichtung positionieren wollte, und dem aus Künstlern bestehenden Lehrkörper, der den Verlust von künstlerischen Talenten befürchteten, da letztere oftmals nicht die Voraussetzungen für ein ordentliches Universitätsstudium mitbrachten.

Am 27. März 1919 wurde deshalb an der Akademie über einen neuen Rektor abgestimmt (die Präsidentschaft und das Rektorat wurden außerdem zu einem einzigen Amt zusammengelegt). Gewählt wurde der beliebte Dirigent Ferdinand Löwe:

"Wir nehmen diese Willenskundgebung des Lehrkörpers der Akademie für Musik und darstellende Kunst mit wahrer Freude zur Kenntnis und begrüßen den in Vorschlag gebrachten neuen Direktor Ferdinand Löwe von ganzem Herzen. Ferdinand Löwe ist ein berühmter Dirigent, ein ausgezeichneter Lehrer und ein bewehrter Organisator, somit der richtige Mann, der dazu berufen erscheint, das Ansehen der ersten Musikschule unserer Republik wieder zu heben und von all den Schlacken zu reinigen, die sich im Laufe der unumschränkten Herrschaft Wieners in erschreckender Weise aufgehäuft haben. Direktor Löwe ist ein moderner Musiker und darum befähigt, den Lehrplan der Akademie im fortschrittlichen Sinne zu reformieren und dort wieder Gerechtigkeit walten zu lassen, wo ein unschlüssiges Lavieren zwischen beinah umstürzlerischen Tendenzen und starrem Festhalten an verzopften Methoden Zweck und Ziel des Unterrichtes nicht mehr erkennen ließen. – Direktor Bopp wurde zum Vorwurf gemacht, daß er mehr Beamter als Künstler sei. Es ist nicht zu leugnen, daß Direktor Bopp in der zu langen Aera Wiener einen sehr schweren Stand hatte und überdies einen recht undankbaren, mußte er doch in allen Affären die Rolle des Puffers zwischen aneinanderprallenden Gegensätzen spielen. Gleichwohl sollen die Verdienste Bopps um die Akademie für Kunst nicht geschmälert werden."

Der 1865 in Wien geborene Ferdinand Löwe war Pianist und Dirigent bei der Gesellschaft der Musikfreunde. 1901 gehörte er zu den Mitbegründern des Wiener Konzertvereins, den er bis 1924 leiten sollte, und führte die Arbeitersymphoniekonzerte ein. Die Akademie für Musik und darstellende Kunst leitete Löwe bis 1922. Er starb am 12. Jänner 1925 und wurde am Wiener Zentralfriedhof in einem Ehrengrab der Stadt Wien bestattet.

Link:
Ferdinand Löwe – Direktor der Musikakademie (Der Neue Tag vom 28. März 1919)

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