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Von Tag zu Tag 1917 bis 1919

29. März 1919

Von dem Generalstreik auf den deutschösterreichischen Eisenbahnen. Bilder aus den ersten Stunden des Eisenbahnerstreiks auf dem Wiener Südbahnhof
"Von dem Generalstreik auf den deutschösterreichischen Eisenbahnen. Bilder aus den ersten Stunden des Eisenbahnerstreiks auf dem Wiener Südbahnhof"; © Neuigkeits-Welt-Blatt vom 29. März 1919

"Alle Räder stehen still. Der Generalstreik der Eisenbahner" titelte das Neuigkeits-Welt-Blatt am 29. März 1919:

"Auf den deutschösterreichischen Eisenbahnen ist der Generalstreik, den wir gestern als bevorstehend angekündigt haben, heute zum Ausbruch gekommen. Was verlangen die Eisenbahner? Sie fordern Lebensmittel und Kleider. Bezüglich der Lohnerhöhungen erklären sie, daß sie wegen des Geldes mit sich reden lassen wollen; sie wollen nicht die Banknotenpresse zu gesteigerter Tätigkeit anspornen; was helfe das Geld, wenn man sich nichts davon kaufen könne? Ein sehr vernünftiger Standpunkt! Wenn die Eisenbahner eine bessere Belieferung mit Lebensmitteln und Kleidern fordern, so läßt sich dagegen nichts einwenden. Sie haben einen schweren Dienst, sie haben einen verantwortungsvollen Dienst, sie haben infolgedessen das Recht, für ihre besonderen Meinungen eine besondere Berücksichtigung zu fordern."

Der Streik am 29. März 1919 legte den Zugsverkehr vor allem im Osten und Süden des Bundesgebiets für einen Tag lahm. Überfüllte Fernzüge, die noch pünktlich abfuhren, blieben an kleinen Bahnhöfen abrupt stehen, sodass hunderte gestrandete Passagiere in Langenzersdorf oder Gänserndorf festsaßen; Kinder vom Land, die in den Städten die Schule besuchten, konnten nicht nach Hause. Auf der Norwestbahn setzten die Eisenbahner sogar den Direktor ab und übernahmen selbst die Direktionsgeschäfte.

Von Graz wurde von einem amerikanischen Oberst berichtet, der nach Wien zu Verhandlungen unterwegs war und – von Triest kommend – am Grazer Hauptbahnhof festsaß. Allerdings boten Grazer Kraftfahrzeuglenker gut betuchten Reisenden Passagen nach Wien um 300,- Kronen an (heute etwa 100,- Euro), eine Fluggelegenheit von Graz nach Wien war am 29. März 1919 sogar schon um 280,- Kronen zu haben. Der Expresszug von Paris über Wien nach Bukarest kehrte um und fuhr nach Paris zurück, während der aus Bukarest kommende Zug überhaupt zurückgehalten wurde.

Der Streik konnte im Laufe des 29. März 1919 beendet werden, wobei die Regierung den Eisenbahnern auf halbem Weg entgegenkam und zusätzlich versprach einzelne Forderungen, etwa die nach dem 8 Stunden Tag, gesetzlich zu regeln.

Link:
"Alle Räder stehen still." Der Generalstreik der Eisenbahner (Neuigkeits-Welt-Blatt vom 29. März 1919)

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