Am 30. März 1919 verschied überraschend der prominente österreichische Rechtsgelehrte Edmund Bernatzik. Wenig später veröffentlichte die Die Wiener Illustrierte Zeitung einen bebilderten Nachruf:
"In seinem Heim am Springsiedelweg in Wien ist der Staatsrechtslehrer an der Wiener Universität Hofrat Professor Dr. Edm. Bernatzik im 65. Lebensjahre einem Herzschlag erlegen. Mit Bernatzik verschwindet einer der bekanntesten Lehrer der Wiener Universität. Seine von der herkömmlichen Norm abweichende Art des Vortrages, der Inhalt seiner Vorlesungen hoben ihn stets als Lehrer unter seinen Universitätskollegen besonders hervor […] Auch war Professor Bernatzik unter den ersten, die an der Universität für die Zulassung der Frauen zum Rechtsstudium eintraten, und in zwei Dezennien hat er in Streitschriften und Vorträgen für ein Ziel gekämpft, das zu erreichen ihm nicht mehr beschieden sein sollte."
Der am 28. September 1854 im niederösterreichischen Mistelbach geborene Edmund Bernatzik studierte an den Universitäten Wien und Graz Rechtswissenschaften und wurde anschließend Richter. Nachdem sein Buch "Rechtsprechung und materielle Rechtskraft" an der Universität Wien als Habilitationsschrift anerkannt wurde, konnte er die wissenschaftliche Laufbahn einschlagen, die ihn über die Universitäten Innsbruck, Basel und Graz zurück nach Wien führte. An der Universität Wien hatte er zweimal die Rolle eines Dekans inne und wirkte 1910/11 als Rektor der Universität. Bernatzik war Mitglied der deutschnationalen Burschenschaft "Silesia", war aber trotz seiner deutschnationalen Gesinnung, die er zeitlebens beibehielt, loyal zur Monarchie und darauf bedacht die anderen Völker des 1918 untergegangenen Reiches nicht zu diskriminieren.
Bernatzik gilt heute als Pionier der österreichischen Verfassungs- und Verwaltungsrechtswissenschaften und war als Mitglied der Kommission für die Reform der österreichischen Verwaltung führend an der rechtsstaatlichen Umformung des früher überwiegend polizeistaatlich geprägten Landes beteiligt. 1919 wurde er deshalb in den deutschösterreichischen Verfassungsgerichtshof berufen.
Bernatzik engagierte sich auch in der Volksbildung und setzte sich als Mitglied des "Vereins für erweiterte Frauenbildung" für die rechtliche Gleichstellung von Frauen, unter anderem auch für ihre Zulassung zum Universitätsstudium, ein. Tatsächlich konnte Bernatziks Tochter Marie 1922, als eine der ersten österreichischen Frauen, an der Juridischen Fakultät in Wien promovieren.
Der seit seiner Kindheit herzleidende Edmund Bernatzik verstarb im Alter von 65 Jahren am 30. März 1919 an einem Herzschlag. Er wurde am Heiligenstädter Friedhof im 19. Wiener Gemeindebezirk beigesetzt.
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Hofrat Professor Dr. Edmund Bernatzik †, Wien (Wiener Illustrierte Zeitung vom 6. April 1919)