An der weltberühmten Wiener Musikakademie (heute Universität für Musik und darstellende Kunst) ging es nach dem Weltkrieg turbulent zu. Unter anderem wurden die berühmten Musiker Otakar Ševčík, Leiter der Geigenausbildung und der Pianist Jerzy (Georg von) Lalewicz, Pianist, Komponist und Klavierlehrer aufgrund ihrer Nationalität – Ševčík stammte aus Böhmen und Lalewicz war Pole – trotz Protests des Rektors der Akademie Wilhelm Bopp, der als deutscher Staatsbürger tatsächlich Ausländer war, auf Betreiben des zuständigen Ministers für Unterricht und Kultus Raphael Pacher entlassen. Pacher, der erste Unterrichts- und Kulturminister der Republik, war Anhänger des deutschnationalen Antisemiten Georg Ritter von Schönerer, gehörte mehreren deutschnationalen Burschenschaften an, und war Gründer der "Deutschradikalen Partei". Daneben schwelte auch innerhalb der Akademie ein Streit zwischen dem Präsidenten der Akademie Karl (von) Wiener, der die Akademie stärker als universitäre Einrichtung positionieren wollte, und dem aus Künstlern bestehenden Lehrkörper, der den Verlust von künstlerischen Talenten befürchteten, da letztere oftmals nicht die Voraussetzungen für ein ordentliches Universitätsstudium mitbrachten.
Am 27. März 1919 wurde deshalb an der Akademie über einen neuen Rektor abgestimmt (die Präsidentschaft und das Rektorat wurden außerdem zu einem einzigen Amt zusammengelegt). Gewählt wurde der beliebte Dirigent Ferdinand Löwe:
"Wir nehmen diese Willenskundgebung des Lehrkörpers der Akademie für Musik und darstellende Kunst mit wahrer Freude zur Kenntnis und begrüßen den in Vorschlag gebrachten neuen Direktor Ferdinand Löwe von ganzem Herzen. Ferdinand Löwe ist ein berühmter Dirigent, ein ausgezeichneter Lehrer und ein bewehrter Organisator, somit der richtige Mann, der dazu berufen erscheint, das Ansehen der ersten Musikschule unserer Republik wieder zu heben und von all den Schlacken zu reinigen, die sich im Laufe der unumschränkten Herrschaft Wieners in erschreckender Weise aufgehäuft haben. Direktor Löwe ist ein moderner Musiker und darum befähigt, den Lehrplan der Akademie im fortschrittlichen Sinne zu reformieren und dort wieder Gerechtigkeit walten zu lassen, wo ein unschlüssiges Lavieren zwischen beinah umstürzlerischen Tendenzen und starrem Festhalten an verzopften Methoden Zweck und Ziel des Unterrichtes nicht mehr erkennen ließen. – Direktor Bopp wurde zum Vorwurf gemacht, daß er mehr Beamter als Künstler sei. Es ist nicht zu leugnen, daß Direktor Bopp in der zu langen Aera Wiener einen sehr schweren Stand hatte und überdies einen recht undankbaren, mußte er doch in allen Affären die Rolle des Puffers zwischen aneinanderprallenden Gegensätzen spielen. Gleichwohl sollen die Verdienste Bopps um die Akademie für Kunst nicht geschmälert werden."
Der 1865 in Wien geborene Ferdinand Löwe war Pianist und Dirigent bei der Gesellschaft der Musikfreunde. 1901 gehörte er zu den Mitbegründern des Wiener Konzertvereins, den er bis 1924 leiten sollte, und führte die Arbeitersymphoniekonzerte ein. Die Akademie für Musik und darstellende Kunst leitete Löwe bis 1922. Er starb am 12. Jänner 1925 und wurde am Wiener Zentralfriedhof in einem Ehrengrab der Stadt Wien bestattet.
Link:
Ferdinand Löwe – Direktor der Musikakademie (Der Neue Tag vom 28. März 1919)
Am 28. März 1919 wurde die 5 Jahre zuvor von den Alliierten gegen die Mittelmächte aufgebaute Lebensmittelblockade aufgehoben. Die Blockade hatte für die Zivilbevölkerung und insbesondere für Kinder verheerende Auswirkungen, die noch bis in die früher 1920er-Jahre hineinreichen sollten. Die Wiener Morgenzeitung berichtete Ende März 1919 über "Die Not der Kinder":
"In einer vom Amte für Volksgesundheit verfaßten lesenswerten Denkschrift kann man erschreckende Zahlen über Kindesnot und Kindestod hören. Wohl kennen Lehrer und Kinderärzte in den Ambulatorien die verheerende Einwirkung der Unterernährung, sie sehen mit Schaudern die abgemagerten, blassen, meist tuberkuloseinfizierten, oft verwahrlosten Kinder, von jenen geht auch immer wieder der Ruf nach Hilfe und Rettung unserer zukünftigen Generation aus – doch, daß die Zahl der Todesfälle der Fünf- bis Fünfzehnjährigen für Deutschösterreich um 50 Prozent, in Wien allein sogar um 60 Prozent angestiegen ist, ist zwar nach neuen Berechnungen wahr, es übersteigt aber jede Vermutung. An erster Stelle steht die Tuberkulose als typische Wohnungs- und Ernährungskrankheit unter den Todesursachen. Die Zunahme dieser sogenannten 'Wiener Krankheit' ist geradezu katastrophal. Der Zuwachs der Todesfälle an Tuberkulose beträgt für die jugendlichen Altersstufen beider Geschlechter seit Kriegsbeginn bis zu 120 Prozent."
Während des Ersten Weltkriegs verhungerten auf dem deutschösterreichischen Gebiet der Habsburger-Monarchie etwa 100.000 Menschen; in Deutschland waren es knapp 800.000. Die Hungersnot war vor allem darauf zurückzuführen, dass sowohl Deutschland als auch Österreich-Ungarn hinsichtlich der Lebensmittelversorgung unvorbereitet in den Krieg zogen, von dem sie meinten er werde nur kurz dauern. Die Mitte 1914 von den Alliierten verhängte Blockade verschärfte die Lebensmittelkrise zusätzlich und leistete 1918 einen wichtigen Beitrag zur Niederlage der Mittelmächte. Nach dem Waffenstillstand wurde die Lebensmittelblockade nicht etwa aufgehoben, sondern als Druckmittel vor allem gegenüber Deutschland weitergeführt, um es zur Annahme der harten Bedingungen des Friedensvertrags von Versailles zu zwingen.
Links:
Die Not der Kinder (Wiener Morgenzeitung vom 30. März 1919)
Weiterlesen: Die Wirkung der Hungerblockade auf die Volksgesundheit (1919-1921) (Filmdokument, Deutsches Bundesarchiv)
"Alle Räder stehen still. Der Generalstreik der Eisenbahner" titelte das Neuigkeits-Welt-Blatt am 29. März 1919:
"Auf den deutschösterreichischen Eisenbahnen ist der Generalstreik, den wir gestern als bevorstehend angekündigt haben, heute zum Ausbruch gekommen. Was verlangen die Eisenbahner? Sie fordern Lebensmittel und Kleider. Bezüglich der Lohnerhöhungen erklären sie, daß sie wegen des Geldes mit sich reden lassen wollen; sie wollen nicht die Banknotenpresse zu gesteigerter Tätigkeit anspornen; was helfe das Geld, wenn man sich nichts davon kaufen könne? Ein sehr vernünftiger Standpunkt! Wenn die Eisenbahner eine bessere Belieferung mit Lebensmitteln und Kleidern fordern, so läßt sich dagegen nichts einwenden. Sie haben einen schweren Dienst, sie haben einen verantwortungsvollen Dienst, sie haben infolgedessen das Recht, für ihre besonderen Meinungen eine besondere Berücksichtigung zu fordern."
Der Streik am 29. März 1919 legte den Zugsverkehr vor allem im Osten und Süden des Bundesgebiets für einen Tag lahm. Überfüllte Fernzüge, die noch pünktlich abfuhren, blieben an kleinen Bahnhöfen abrupt stehen, sodass hunderte gestrandete Passagiere in Langenzersdorf oder Gänserndorf festsaßen; Kinder vom Land, die in den Städten die Schule besuchten, konnten nicht nach Hause. Auf der Norwestbahn setzten die Eisenbahner sogar den Direktor ab und übernahmen selbst die Direktionsgeschäfte.
Von Graz wurde von einem amerikanischen Oberst berichtet, der nach Wien zu Verhandlungen unterwegs war und – von Triest kommend – am Grazer Hauptbahnhof festsaß. Allerdings boten Grazer Kraftfahrzeuglenker gut betuchten Reisenden Passagen nach Wien um 300,- Kronen an (heute etwa 100,- Euro), eine Fluggelegenheit von Graz nach Wien war am 29. März 1919 sogar schon um 280,- Kronen zu haben. Der Expresszug von Paris über Wien nach Bukarest kehrte um und fuhr nach Paris zurück, während der aus Bukarest kommende Zug überhaupt zurückgehalten wurde.
Der Streik konnte im Laufe des 29. März 1919 beendet werden, wobei die Regierung den Eisenbahnern auf halbem Weg entgegenkam und zusätzlich versprach einzelne Forderungen, etwa die nach dem 8 Stunden Tag, gesetzlich zu regeln.
Link:
"Alle Räder stehen still." Der Generalstreik der Eisenbahner (Neuigkeits-Welt-Blatt vom 29. März 1919)
Am 30. März 1919 verschied überraschend der prominente österreichische Rechtsgelehrte Edmund Bernatzik. Wenig später veröffentlichte die Die Wiener Illustrierte Zeitung einen bebilderten Nachruf:
"In seinem Heim am Springsiedelweg in Wien ist der Staatsrechtslehrer an der Wiener Universität Hofrat Professor Dr. Edm. Bernatzik im 65. Lebensjahre einem Herzschlag erlegen. Mit Bernatzik verschwindet einer der bekanntesten Lehrer der Wiener Universität. Seine von der herkömmlichen Norm abweichende Art des Vortrages, der Inhalt seiner Vorlesungen hoben ihn stets als Lehrer unter seinen Universitätskollegen besonders hervor […] Auch war Professor Bernatzik unter den ersten, die an der Universität für die Zulassung der Frauen zum Rechtsstudium eintraten, und in zwei Dezennien hat er in Streitschriften und Vorträgen für ein Ziel gekämpft, das zu erreichen ihm nicht mehr beschieden sein sollte."
Der am 28. September 1854 im niederösterreichischen Mistelbach geborene Edmund Bernatzik studierte an den Universitäten Wien und Graz Rechtswissenschaften und wurde anschließend Richter. Nachdem sein Buch "Rechtsprechung und materielle Rechtskraft" an der Universität Wien als Habilitationsschrift anerkannt wurde, konnte er die wissenschaftliche Laufbahn einschlagen, die ihn über die Universitäten Innsbruck, Basel und Graz zurück nach Wien führte. An der Universität Wien hatte er zweimal die Rolle eines Dekans inne und wirkte 1910/11 als Rektor der Universität. Bernatzik war Mitglied der deutschnationalen Burschenschaft "Silesia", war aber trotz seiner deutschnationalen Gesinnung, die er zeitlebens beibehielt, loyal zur Monarchie und darauf bedacht die anderen Völker des 1918 untergegangenen Reiches nicht zu diskriminieren.
Bernatzik gilt heute als Pionier der österreichischen Verfassungs- und Verwaltungsrechtswissenschaften und war als Mitglied der Kommission für die Reform der österreichischen Verwaltung führend an der rechtsstaatlichen Umformung des früher überwiegend polizeistaatlich geprägten Landes beteiligt. 1919 wurde er deshalb in den deutschösterreichischen Verfassungsgerichtshof berufen.
Bernatzik engagierte sich auch in der Volksbildung und setzte sich als Mitglied des "Vereins für erweiterte Frauenbildung" für die rechtliche Gleichstellung von Frauen, unter anderem auch für ihre Zulassung zum Universitätsstudium, ein. Tatsächlich konnte Bernatziks Tochter Marie 1922, als eine der ersten österreichischen Frauen, an der Juridischen Fakultät in Wien promovieren.
Der seit seiner Kindheit herzleidende Edmund Bernatzik verstarb im Alter von 65 Jahren am 30. März 1919 an einem Herzschlag. Er wurde am Heiligenstädter Friedhof im 19. Wiener Gemeindebezirk beigesetzt.
Link:
Hofrat Professor Dr. Edmund Bernatzik †, Wien (Wiener Illustrierte Zeitung vom 6. April 1919)
Am 31. März 1919 begann im Favoritner Arbeiterheim, das in der Laxenburger Straße 8 im 10. Wiener Gemeindebezirk lag, eine dreitägige Konferenz der der Hotel-, Gast- und Kaffeehausangestellten. Gefordert wurden unter anderem geregelte Arbeitszeiten, etwa eine 6-Tage-Woche mit maximal 78 Arbeitsstunden, und die Abschaffung des Trinkgelds. Letzteres ersetzte damals einen Teil des Lohnes, und Kellner – "gelernte" Kellner wurden als "Marqueure" bezeichnet – mussten sogar einen Prozentsatz des Trinkgeldes an den Lokalbetreiber abführen. Wichtig war den Gastwirtegehilfinnen und -gehilfen (darunter 11.000 Frauen und knapp 6.000 Männer) auch die Zusammenlegung der drei für sie zuständigen Krankenkassen und die Aufhebung der Konzessionspflicht, da kaum neue Gastwirtschaftskonzessionen erteilt wurden und bestehende bei Geschäftsübergaben um sehr hohe Summen verkauft wurden. Die Arbeiter-Zeitung kündigte die Konferenz am 30. März an:
"Die Zustände, die unter den Hotel-, Gast- und Kaffeehausangestellten herrschen, sind ein Hohn auf alle gesundheitlichen Vorschriften. Schon die schrankenlose Ausbeutung der Lehrlinge hindert die Entwicklung des Körpers und des Geistes. Dabei wird das Personal durch eine unmoralische Trinkgeldwirtschaft korrumpiert und der Lohn, der bezahlt wird, steht immer noch auf der gleichen Höhe wie vor dreißig Jahren. Dazu kommen die Haftung der Kellner für Waren, Geschirr und Eßzeug und ein unkontrollierbares Verrechnungssystem. Alle diese skandalösen, nur der Gewinnsucht der Unternehmer dienenden Zustände sind jetzt unerträglich geworden. Die gastgewerbliche Arbeiterschaft ist fest entschlossen, damit aufzuräumen […] Gefordert wird: achtstündiger Arbeitstag, Sperre der Einstellung von Lehrlingen zur Entlastung des mit vielen Tausenden überfüllten Arbeitsmarktes, Festsetzung der Löhne, die für alle Hotel-, Restaurant- und Kaffeehauskellner gleich und so hoch sein müssen, daß niemand auf das Trinkgeld angewiesen ist; Aenderung der Verrechnung zwischen Unternehmer, Kellner und Gast und Aufhebung der Inventarhaftung und der Prozentzahlung; Regelung des Lehrlingswesens; Aufhebung der Konkurrenz zwischen männlicher und weiblicher Arbeitskraft nach dem Prinzip: für gleiche Arbeit gleichen Lohn; Herausgabe eines besonderen Schutzgesetzes für alle Angestellten im Gast- und Schankgewerbe. Außerdem wird die Bereinigung der Hotel-, Gast- und Kaffeehausgehilfenkrankenkassen angestrebt. Die Gehilfenschaft ist fest entschlossen, diese Forderungen mit allem Nachdruck zu vertreten."
Links:
Lohnbewegung unter der gastgewerblichen Arbeiterschaft (Arbeiter-Zeitung vom 30. März 1919)
Weiterlesen: Konferenz der Hotel-, Gast- und Kaffeehausangestellten (ausführlicher Bericht in der Arbeiter-Zeitung vom 1. April 1919)
Weiterlesen: Konferenz der Hotel-, Gast- und Kaffeehausangestellten (ausführlicher Bericht in der Arbeiter-Zeitung vom 2. April 1919)