Am 7. März 1919 veröffentlichte das Grazer Tagblatt ein Aviso an seine Leserinnen und Leser betreffend die deutschösterreichische Währung. So wie in den anderen Nachfolgestaaten der habsburgischen Monarchie waren unkontrollierte Mengen altösterreichischer Banknoten und Briefmarken im Umlauf. Um die finanztechnische Kontrolle zurückzugewinnen, wurde eine bestimmte Menge an Banknoten von der ehemaligen österreichisch-ungarischen Bank, der heutigen Nationalbank, abgestempelt und mit einer Übergangszeit zur einzig gültigen Währung erklärt:
"Darnach werden in Deutschösterreich im Umlaufe befindliche Noten der Österr. – Ungar. Bank mit Ausnahme der Ein- und Zweikronennoten durch einen amtlichen Aufdruck in der Weise gekennzeichnet, daß jede Note mit der deutschen Textseite einen roten Aufdruck in Form einer aus runden Guilloche-Rosetten gebildeten Vignette erhält, in deren Längsrichtung in roter Schrift das Wort 'Deutschösterreich' angebracht ist […] Als Frist für die Kennzeichnung der Banknoten wird die Zeit zwischen 12 und 24. März festgesetzt. Innerhalb dieser Frist sind von den Besitzern die noch nicht gekennzeichneten Noten zum Umtausch gegen gestempelte Noten einzureichen."
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Die Banknotenstempelung (Grazer Tagblatt vom 7. März 1919)
Weiterlesen: Die Währungstrennung (Mag. Günter Ehweiner, aus "Geld- und Bankwesen in der ersten Republik")
1878 kam in Dänemark die spätere Sopranistin Käthe Rantzau zur Welt. Nach einigen Auftritten in Kopenhagen wurde sie 1912 an das Theater an der Wien engagiert, wo sie sogleich zum Publikumsliebling avancierte. Es dauerte nicht lang, bis sie an die Volksoper geholt wurde und auch immer wieder Gastspiele an der Wiener Staatsoper gab. Das Wiener Salonblatt veröffentlichte am 8. März 1919 ein Foto der Rantzau in ihrer aktuellen Rolle der Markgräfin in Oskar Straus' komischer Oper "Die galante Markgräfin" mit einem kurzen Bericht:
"Die charmante junge Künstlerin, eines der meistbewundertsten und beliebtesten Mitglieder der Volksoper, ist eine geborene Dänin und sang in der ersten Zeit ihrer Künstlerkarriere in Kopenhagen einige Wiener Operetten als Gast. Ihr Ehrgeiz aber strebte höher, sie wollte viel lernen und zur Oper übergehen. Da jedoch für letztere in der dänischen Hauptstadt nur ein sehr beschränktes Tätigkeitsfeld vorhanden, ein Teil der dortigen Bevölkerung ist ja gewiß sehr für große Musik und Gesang, der Hauptteil aber liebt nur leichtere Musik, begab sich Frl. Rantzau Studienhalber nach London und Berlin, war aber mit selben erst hier in Wien befriedigt. Die alte Donaustadt liebt sie sehr und will auch trotz mehrerer sehr guter Engagements nach Deutschland bei uns bleiben […] Für diesen Sommer lud sie Siegfried Wagner ein, nach Bayreuth zu kommen, um dort zu studieren."
Tatsächlich wurde die Rolle der "Sieglinde" in Richard Wagners "Walküre" später eine ihrer Paraderollen. Neben ihrer Rolle als Opern- und Operettendiva war Käthe Rantzau aber auch als "Luxusauto-Diva" (Die Stunde vom 21. Juni 1926) bekannt, die mit ihrem französischen "Amilcar Grand Sport" oder einem "Ansaldo" aus Genua zahlreiche Preise bei Autowettfahrten gewann, sei es bei Damenrennen in der Prater Hauptallee in Wien, bei Rennen am Semmering oder bei den Tauernrennen. In den 1930er Jahren wirkte Käthe Rantzau außerdem als Gesangslehrerin am Neuen Wiener Konservatorium in einem bis heute bestehenden Gebäude in der Schönburgstraße 16 in Wien-Wieden. Sie verstarb nach kurzer Krankheit am 7. August 1936 und wurde tags darauf im Wiener Krematorium eingeäschert.
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Theater, Konzert, Kunst, Wissenschaft, Literatur (Wiener Salonblatt vom 8. März 1919)
Das Mannschaftslaufen des Wiener Associations-Football-Clubs W.A.F. am 9. März 1919 war die erste öffentliche Sportveranstaltung des Jahres in Wien und lockte zahlreiche Zuschauerinnen und Zuschauer in den Wiener Vorort Hütteldorf. Es traten Dreierteams des W.A.F., der 3 Teams stellte, der Vienna, Rapid und der Hakoah gegeneinander an. Der Straßenlauf begann um 14:30 und führte über insgesamt 5 Kilometer vom W.A.F.-Platz, der sich gegenüber dem Bahnhof Hütteldorf an der Ecke zur Rettichgasse befand, nach Auhof und retour:
"Die Mannschaft des W.A.F. bestand nur aus drei fast gleichwertigen Läufern, die durch die fortgeschrittene Rennverfassung gegen alle Gegner im Vorteil waren. Die beiden 'Schnitzeljagden' hatten doch dazu beigetragen, den Übergang von der Winterruhe zu den Frühjahrskämpfen zu erleichtern. Bei Rapid überraschte Hierrath durch die Leichtigkeit, mit der er die Strecke bewältigte. Opfolder und Kühnel haben heuer anscheinend noch sehr wenig Arbeit hinter sich. Die Vienna besitzt in Schramm und Stefanovits zwei unscheinbare, aber zähe und anscheinend sehr ambitionierte Läufer, während Ausdauer nicht die stärkste Seite ihres dritten Mannes, Kastner, zu sein scheint."
Die Siegerzeit des Teams W.A.F. I betrug 19 Minuten und 44 Sekunden, also durchschnittlich etwa 6 Minuten und 35 Sekunden pro Läufer. Als zweite Mannschaft erreichte das Team von Rapid mit etwa 20 Sekunden Rückstand das Ziel, ihnen folgten die Teams von Vienna, WAF II und III sowie die Mannschaft der Hakoah.
Der Wiener Associations-Football-Club W.A.F., der 1914 österreichischer Meister und 1922 österreichischer Pokalsieger wurde, existiert bis heute und firmiert nach zahlreichen Fusionierungen mit anderen Vereinen als WAF Vorwärts Brigittenau. Auf dem ehemaligen W.A.F.-Platz in Hütteldorf stehen heute Wohnhäuser.
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Das Mannschaftslaufen in Hütteldorf (Illustriertes Sportblatt vom 14. März 1919)
Das in Wien erscheinende Sportblatt am Mittag kritisierte am 10. März 1919 die Art und Weise wie damals Autotüren, ein "notwendiges Übel" wie das Sportblatt meinte, üblicherweise verbaut wurden. Diese wurden nämlich zumeist nach hinten geöffnet, was bei einer – bei frühen Automobilen öfter vorkommenden – Fehlfunktion, etwa unbeabsichtigtem Aufgehen während der Fahrt, verheerende Folgen haben konnte:
"Bei den meisten unserer Automobile werden die Türen so eingehängt, dass sie sich gegen das Hinterende des Wagens hin öffnen. Diese Anordnung ist unvorteilhaft und die umgekehrte Anbringung, die insbesondere bei englischen Wagen häufig vorkommt, entschieden vorzuziehen. Geht nämlich die Türe nach vorne auf, so wird ihr nicht nur, sobald sich der Wagen in Fahrt befindet, schon durch die auftretenden Massenkräfte die Tendenz erteilt, geschlossen zu bleiben, sondern sie wird auch, falls sie sich dennoch öffnet und gegen ein Hindernis stösst, von diesem wieder zugedrückt. Im anderen Falle dagegen wird das Hindernis mitgenommen oder allenfalls auch die Türe abgebrochen. Es ist durchaus nicht einzusehen, welche Nachteile es haben sollte, die Türe so einzuhängen, dass sie nach vorne aufgeht und man begreift daher nicht recht, warum dies nicht ausnahmslos geschieht. Eine radikale und in mancher Hinsicht unübertrefflich gute Lösung der Türenfrage weisen übrigens, wie ja vielfach bekannt sein dürfte, die offen karossierten Rolls-Royce-Wagen auf: sie haben nämlich überhaupt keine Türen. Die Seitenwand ist so niedrig gehalten, dass das Darübereinsteigen keinerlei Schwierigkeit oder Unbequmemlichkeit verursacht. Durch diese Bauart sind auf die einfachste Art alle Unannehmlichkeiten der Türe, wie schlechtes Schliessen, unerwünschtes Aufgehen, Auftreten von Geräuschen infolge der Fahrterschütterung u.s.w., vermieden, überdies wird hiebei eine Gewichtsverminderung erzielt. Bei geschlossenen Karosserien, für die nun einmal die Türen ein notwendiges Uebel bleiben, sollte die nach vorne hin öffnende Türe ausnahmslos angewendet werden."
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Die Anbringung der Automobiltüren (Sportblatt am Mittag vom 10. März 1919)
"Heute sind zwei in Padua aufgestiegene Caproni-Flieger hier eingetroffen, die sehr viel Post von unseren Kriegsgefangen in San Pellagio an Bord führten. Es soll ein regelmäßiger Flugdienst Padua-Wien eingeführt werden. Die beiden Caproni haben den mehr als 500 Kilometer langen Weg ohne Zwischenlandung in der Zeit zwischen ½ 11 Uhr vormittags und ½ 4 Uhr nachmittags ausgeführt, was angesichts der heutigen atmosphärischen Lage eine bedeutende Leistung ist", meldete die Neue Freie Presse am 11. März 1919.
Schon 2 Tage zuvor war eine weitere Caproni-Maschine aus Padua am Flugfeld in Wien-Aspern gelandet. Der italienische Kommandant des Flugzeuggeschwaders Oberstleutnant La Polla lud sogar zwei Staatssekretäre der deutschösterreichischen Regierung zu einem Rundflug über Wien ein: Der für das Heerwesen zuständigen Staatssekretär Josef Mayer und sein Unterstaatssekretär Erwin Waihs genossen laut zeitgenössischen Berichten diesen Rundflug bei herrlichem Frühlingswetter.
Nach dem Ersten Weltkrieg sollten die damals als "Großkampfflugzeuge" bezeichneten Caproni-Maschinen für zivile Zwecke verwendet werden. Dabei kam es im August 1919 bei einem Testflug von Mailand nach Venedig am Rückflug nach Mailand kurz vor der Landung zu einem verheerenden Flugzeugabsturz, der als bis dahin schwerstes Flugzeugunglück der Geschichte 17 Tote forderte, darunter die beiden Piloten, etliche prominente italienische Journalisten und 7 Mechaniker der Caproni Werke.
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Nachrichten von unseren Kriegsgefangenen aus San Pellagio (Neue Freie Presse vom 11. März 1919)
Heute vor 100 Jahren: Ein von der k.u.k. Armee erbeutetes Caproni Flugzeug
Nach dem Ersten Weltkrieg erlangte die Wasserkraft in Österreich schnell große Bedeutung, da das Land von den großen Kohlenrevieren, die nun im Ausland lagen, abgeschnitten war. Ein großes Wasserkraftprojekt, dass 1919 heftig diskutiert, aber nicht verwirklicht wurde, war das Drau-Wörthersee Kraftwerk. Das heute fast vergessene Projekt sah vor die Drau bei Rosegg nach Norden in den Wörthersee umzuleiten, um den See als Ausgleichsbecken und das starke Gefälle zwischen dem nahe Klagenfurt liegenden Maiernigg und Maria Rain für ein Kraftwerk zu nutzen. Am südöstlichen Rand von Velden, der Einleitungsstelle der Drau in den See, und in Maria Rain, wo die Drau wieder in ihr altes Flussbett zurückgeleitet worden wäre, waren Kraftwerksbauten vorgesehen.
Am 25. Februar 1919 wurde das Projekt in der Klagenfurter Handelskammer im Rahmen eines Lichtbildvortrags der Öffentlichkeit vorgestellt und stieß dort auf weitgehende Zustimmung, während die direkten Seeanrainer ablehnend blieben. Auch der sozialdemokratische Kärntner Arbeiterwille beschäftigte sich mit dem Kraftwerksprojekt, anerkannte zwar die Notwendigkeit des Ausbaus der Wasserkraft, blieb im Fall des Drau-Wörthersee Kraftwerks aber skeptisch. Ausschlaggebend dafür waren ökologische und wirtschaftliche Gründe (der Bau sollte von einem Wiener und nicht von einem einheimischen Unternehmen durchgeführt werden), aber auch der "populistische" Vortrag der Kraftwerksbetreiber in der Klagenfurter Handelskammer hatte Skepsis aufkommen lassen, wie der Arbeiterwille am 12. März 1919 feststellte:
"Die Seeanrainer haben bereits ihre Bedenken geäußert; sie fürchten, daß diese Großanlage, die 42.000 Pferdekräfte im Jahresdurchschnitt liefern soll, zwar dem Lande einen großen wirtschaftlichen Vorteil bringen, aber zugleich die Badeindustrie auf das schwerste schädigen wird. Der See ist ein ausgesprochener Badesee, das Zentrum der heimischen Fremdenindustrie, die Durchleitung des kalten Drauwassers könnte ihm, wird eingewendet, durch bedeutende Temperaturveränderung, Schwankungen des Seespiegels, Wirbelbildung, Verschmutzung etc. den Charakter eines Badesees nehmen (…) Ing. Janesch, der geistige Urheber des Projektes, versuchte nun alle Bedenken zu zerstreuen. Ob es ihm gelungen ist, bleibe dahingestellt, für uns war bis Beweisführung zu populär. Gewissermaßen durch einen 'technischen Witz', eine schwimmende Konstruktion, soll nicht nur die Temperatur des Sees nicht sinken, sondern länger auf gleicher Höhe erhalten, ja im Winter die Eisbildung früher ermöglicht werden, so daß sogar Klagenfurt von seinen lästigen Winternebeln schneller erlöst werden könnte. Wir zweifeln nicht an Übermöglichkeiten technischer Leistungen, aber über ihre Triumphe wollen wir uns erst dann freuen, wenn wir sie sehen."
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Drau-Wörthersee-Werke (Arbeiterwille vom 12. März 1919)
Am 13. März 1919 berichtete Das interessante Blatt über die Ernennung Julius Rollers, eines aus Böhmen stammenden Juristen, der nach dem Zusammenbruch der Monarchie für die deutschösterreichische Staatsbürgerschaft optierte, zum Präsidenten des Obersten Gerichtshofes. Die Allgemeine Österreichische Gerichtszeitung würdigte ihn:
"Staatssekretär Dr. Julius Roller, der das Staatsamt für Justiz während einer kurzen aber äußerst wichtigen Übergangszeit mit Umsicht geleitet hat, bleibt dem öffentlichen Leben in einer Funktion von hervorragender Wichtigkeit erhalten, indem er an die Spitze des Obersten Gerichtshofes getreten ist. Diese Berufung wurde von den deutschösterreichischen Juristen und besonders von den Richtern mit großer Befriedigung begrüßt; haben sie doch alle Ursache der kurzen Amtstätigkeit Dr. Rollers eine dankbare Erinnerung zu bewahren. Mitten in der Zeit gewaltiger Umwälzungen, wo andere Fragen vielleicht mit größerem Nachdruck die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf sich zogen, hat er die Notwendigkeit erkannt, die Grundlagen zu sichern, auf denen die Rechtspflege, ruht. Und so ist es wohl zum guten Teile auch ihm zu danken, daß in dem Grundgesetz über die richterliche Gewalt ein Palladium der richterlichen Unabhängigkeit geschaffen wurde."
Julius Roller absolvierte das Studium der Rechtswissenschaften und trat während seiner Wiener Studienzeit der deutschnationalen Burschenschaft Bruna-Sudetia bei. Als Parlamentsabgeordneter vertrat er deutschradikale und später großdeutsche Standpunkte. 2 Mal hatte Roller das Amt des Staatssekretärs für Justiz inne, einmal von von Oktober 1918 bis März 1919 und ein zweites Mal von Juli bis November 1920. 1919 wurde er mit dem Amt des ersten Präsidenten des Obersten Gerichtshofes betraut, das er bis 1927 bekleidete. Für seine Tätigkeit als Staatssekretär 1920 hatte sich Julius Roller ein Rückkehrrecht an den Obersten Gerichtshof ausbedungen.
Roller, der bereits vor 1938 Mitglied der NSDAP wurde, wirkte in der Ersten Republik in der "Österreichisch-deutschen Arbeitsgemeinschaft" mit, die den "Anschluss" Österreichs an das Deutsche Reich betrieb und "leistete […] so wertvolle Arbeit für den Anschluß, den als Mitglied der NSDAP erleben zu können, ihn mit größter Genugtuung und Freude erfüllte." (Salzburger Volksblatt vom 28. Oktober 1942)
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Der Wechsel im deutschösterreichischen Staatsamt für Justiz (Allgemeine Österreichische Gerichtszeitung vom 29. März 1919)
Mit dem Entstehen von neuen Nationalstaaten auf dem Gebiet der ehemaligen österreichisch-ungarischen Monarchie war es auf einmal notwendig auf Reisen einen Pass mitzuführen. Nicht nur waren 1919 Pässe notwendig, es mussten zusätzlich auch Visen eingeholt werden, was das Reisen zusätzlich erschwerte. Die Illustrierte Kronen-Zeitung erinnerte ihre Leserinnen und Leser am 14. März 1919 über die neuen Einschränkungen im Reiseverkehr:
"In Wien ansässige Personen haben sich bei der Polizeidirektion ihren Paß zu besorgen, die in einem andern Orte Wohnenden bei der zuständigen Bezirkshauptmannschaft. Will jemand das Staatsgebiet eines der Nationalstaaten, die auf dem Boden der Monarchie entstanden sind betreten, so hat er sich auf dem Passe das Paßvisum der betreffenden Gesandtschaft in Wien oder der bezüglichen Paßstelle zu verschaffen. Will zum Beispiel jemand von Wien nach Prag reisen, so muß er sich den Reisepaß bei der Wiener Polizeidirektion lösen und ihn mit dem Visum des tschechischen Gesandten versehen lassen. Das Visum erhält man Josefstädterstraße 103 und Landstraße Hauptstraße Nr. 88. Eine Reise von Prag nach Wien erfordert die Beschaffung des Passes bei der Prager Polizei und nachher des Visums beim deutschösterreichischen Gesandten in Prag. Hält sich ein Reisender, der von Deutschösterreich nach dem Auslande oder von dort nach Deutschösterreich reist, in irgendeinem Orte auf, so muß er den Paß gleich nach seinem Eintreffen dortselbst – in Wien oder Prag bei der Polizei, sonst bei der betreffenden Bezirkshauptmannschaft – neuerlich vidieren lassen. Die Ueberwachung des Reiseverkehrs obliegt den alten und neu errichteten Grenzkontrollstellen, den Grenzpolizeikommissariaten und Polizeiexposituren. Die Grenzkontrolle wird an den nachfolgenden Eisenbahnübergangspunkten ausgeübt werden: Feldkirch, Lustenau, Lindau-Reutin, Kufstein, Mitterwalde-Scharnitz, Salzburg, Simbach-Braunau, Passau-Schärding, Freistadt, Gmünd, Waidhofen an der Thaya, Drosendorf, Raabs an der Thaya, Retz, Laa an der Thaya, Hohenau, Marchegg, Hainburg, Bruck an der Leitha, Ebenfurt, Wiener-Neustadt, Fehring, Leibnitz, Wolfsberg, Klagenfurt und Villach. Der Passantenverkehr an den übrigen Grenzen wird durch die Gendarmerie überwacht."
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Der Paßzwang (Illustrierte Kronen-Zeitung vom 14. März 1919)
Die Wiener Bilder berichteten ausführlich über die am 15. März 1919 gebildete erste demokratisch legitimierte österreichischen Regierung:
"Am Samstag, den 15. März, ist die erste Regierung aus der Wahl der neuen Nationalversammlung geschaffen worden, der die Geschicke der jungen Republik Deutschösterreich anvertraut sind. Die beiden führenden Parteien, die Sozialdemokraten und die Christlichsozialen haben sich zu diesem Ministerium geeinigt, dem der neue Kanzler Dr. Renner die treffende Bezeichnung gegeben, daß es Arbeiter und Bauer zu gemeinsamer Arbeit vereinige. Das Bürgertum hat sich bei der Bildung der neuen Regierung leider schmollend abseits gestellt und sich freie Hand vorbehalten […] Eine Lücke zeigt die neue Regierung noch insofern, als für das Staatsamt für Aeußeres Dr. Otto Bauer nur die Leitung übernimmt: für so lange, als der zukünftige Staatssekretär noch nicht bestimmt ist. Die Besetzung durch Dr. Franz Klein, die von der sozialdemokratischen Partei befürwortet worden ist, war im Augenblick nicht möglich, weshalb sich Dr. Bauer zu der vorläufigen Weiterleitung bereit erklärt hat. Aber Dr. Bauer wie die sozialdemokratische Partei wünschen entschieden, daß Dr. Bauer seine ganze Kraft der alles überragenden Aufgabe der Sozialisierung widme – er ist zum Präsidenten der Sozialisierungskommission gewählt worden –, so daß sein Verbleiben auf dem Ballhausplatz lediglich davon abhängt, daß jemand gefunden wird, dem man das Amt ruhig anvertrauen kann."
Otto Bauer blieb bis Juli 1919 Staatssekretär des Äußeren und trat zurück, als sich die deutschösterreichische Anschlusspolitik aufgrund des Drucks der Siegermächte des Ersten Weltkriegs nicht umsetzen ließ. Sein Amt wurde bis zum Ende der Regierungsperiode von Karl Renner ausgeübt. Otto Bauer leitete parallel zu seinem Regierungsamt Bauer die vom Parlament eingesetzte Sozialisierungskommission, in der Ignaz Seipel die Christlichsoziale Partei vertrat. Der größte Erfolg dieser Kommission war der Beschluss über die Betriebsräte vom 15. Mai 1919. Da die Kommission über die Verstaatlichung von Privatunternehmen keinen Konsens herstellen konnte, stellte sie ihre Tätigkeit allerdings bald ein.
Link:
Das erste Ministerium der Republik Deutschösterreich (Wiener Bilder vom 23. März 1919)
Am 16. März 1919 wurde – wie schon öfter nach Kriegsende – vom möglichen "Anschluss" Vorarlbergs an die Schweiz berichtet:
"In Vorarlberg gehen die Ansichten über den Anschluß an die Schweiz, an Deutschösterreich oder an Bayern weit auseinander. Neuerdings lehnte der Vorarlberger Landesrat es ab, die Abstimmung des Lustenauer Werbeausschusses für den Anschluß Vorarlbergs an die Schweiz nach Bern zu übermitteln, da diese Abstimmung inoffiziell war und dem neuen Landtage die Entscheidung über diese Frage vorbehalten werden müsse. Es wurden die Ausschüsse zur Prüfung und zur Fühlungnahme mit Wien, München und Berlin eingesetzt."
Tatsächlich fand am 11. Mai 1919 eine offizielle Volksabstimmung über diese Frage statt. Abgestimmt wurde über folgendes: "Wünscht das Vorarlberger Volk, dass der Landesrat der Schweizer Bundesregierung die Absicht des Vorarlberger Volkes, in die Schweizerische Eidgenossenschaft einzutreten, bekannt gebe und mit der Bundesregierung in Verhandlungen trete?"
Abgesehen von Bludenz und Hittisau sprachen sich alle Vorarlberger Gemeinden für die Aufnahme von Verhandlungen mit der Schweizer Regierung aus. Die Zustimmungsrate lag bei 81%. Da wenig später der Staatsvertrag von St. Germain die Grenzen Österreichs inklusive Vorarlbergs festlegte, wurde aber auf die Aufnahme von Verhandlungen verzichtet. Allerdings bestanden auch in der Schweiz Vorbehalte gegen eine Aufnahme Voralbergs als Schweizer Kanton, da dadurch der deutsche Sprachanteil gegenüber dem französischen, italienischen und rätoromanischen deutlich gestiegen wäre, auch konfessionell wäre es zu einer starken Verschiebung zugunsten des Katholizismus gekommen. Da der Zusammenschluss mit der Schweiz nicht gelang, sprach man in Vorarlberg mancherorts vom eigenen Land bitter als "Kanton Übrig".
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Die Anschlußfrage Vorarlbergs (Das interessante Blatt vom 16. März 1919)
Weiterlesen: Die Vorarlberger Anschlußfrage (ausführlicher Artikel im Bludenzer Anzeiger vom 15. März 1919)