Im März 1919 gingen laufend Sonderzüge mit unterernährten Kindern aus Österreich in die Schweiz ab, wo die Kinder bei Pflegeeltern lebten, und sich erholen konnten. Die Nachfrage war sehr groß und die Dankbarkeit gegenüber der Schweiz äußerte sich in vielfältiger Weise. In Wien wurde beispielsweise der Schweizergarten zu Ehren der Schweiz benannt. Am Montag, dem 17. März 1919, berichtete der Allgemeine Tiroler Anzeiger von einem Kindertransport, mit dem Tiroler Kinder in die Schweiz reisten und kündigte gleich die Modalitäten für den nächsten an:
"Neuaufnahmen für den in Aussicht stehenden nächsten Transport werden ab Donnerstag täglich von 3 bis 5 Uhr entgegengenommen. Für die Aufnahme wolle eine ärztliche Bestätigung, daß das anzumeldende Kind frei von Infektionskrankheiten und infolge des Unterernährungszustandes erholungsbedürftig ist, beigebracht werden. Bereits früher angemeldete Kinder, die bisher noch nicht fortgekommen sind, brauchen nicht neu angemeldet zu werden. Jedoch ist ein ärztliches Zeugnis für sie nachzutragen. Die bisher übliche gemeinsame Untersuchung der Kinder vor Abgang des Transportes entfällt in Hinkunft. Diese Maßregeln sind durch die von den Schweizer Aerzten geübte strenge Untersuchung der Kinder bedingt."
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Kinder in die Schweiz (Allgemeiner Tiroler Anzeiger vom 17. März 1919)
Heute vor 100 Jahren: Hilfslieferungen aus der Schweiz (30. Dezember 1918)
Am 18. März 1918 verstarb der Gouverneur der Österreichisch-Ungarischen Bank, der Jurist und Universitätsprofessor Ignaz Gruber Freiherr von Menninger. Der prominente Währungsstatistiker und Finanzpolitiker begann seine Karriere als Rechtspraktikant am Wiener Landesgericht und wurde aufgrund seiner Habilitationsschrift über die Währungsverhältnisse der Monarchie 1890 in das Finanzministerium berufen, wo er es bis zum Rang eines Sektionschefs schaffte. Ab 1893 wirkte er als Privatdozent für Statistik an der juridischen Fakultät der Universität Wien, an der er 1902 zum ordentlichen Universitätsprofessor berufen wurde. 1910 trat das auf Lebenszeit bestellte Mitglied des Herrenhauses des österreichischen Parlaments in den Ruhestand, wurde aber in den Umbruchstagen 1918 gebeten, den währungspolitischen Übergang von der Monarchie zur Republik mit seiner Fachexpertise zu begleiten. Das Fremdenblatt berichtete:
"Das Hinscheiden des Gouverneurs Dr. Freiherrn von Gruber hat allgemeines Bedauern hervorgerufen. Die Nachricht wirkte umso erschütternder, als Dr. Freiherr v. Gruber noch vorgestern bei bestem Wohlsein der Beratung im Staatsamt für Finanzen über währungspolitische Fragen beigewohnt hatte. In der jetzigen stürmischen Zeit war der Posten des Vizegouverneurs und Gouverneurs des Noteninstituts, den Gruber bekleidet hat, kein Ruheposten. Und mit einem Eifer und einer Tatkraft widmete er sich den so schwerwiegenden Valutaangelegenheiten, daß der hochbetagte Mann sich förmlich zu verjüngen schien. In den letzten Wochen des Vorjahres hatte er sich noch einem gewissen Optimismus hingegeben und die Hoffnung ausgesprochen, daß sich die Liquidation der Nationalstaaten würde vermeiden lassen. Dann aber folgten die Vorstöße des tschechoslowakischen Finanzministers, und es ist kein Zweifel, daß diese Durchbrechungen der Währungseinheit ihm persönlich sehr nahe gegangen sind, Sie konnten ihn allerdings in seiner Politik absoluter Neutralität den Nationalstaaten gegenüber nicht beirren, und er hielt an ihr fest, wenn sie auch mancherlei Anfechtungen ausgesetzt gewesen ist. Bei Freund und Gegnern aber genoß er gleich hohes Ansehen, und das Bedauern war gestern allgemein, daß der unermüdlich tätige Mann durch einen plötzlichen Tod seiner Wirksamkeit entrissen wurde. Vor wenigenTagen erst wurde die Ernennung Dr. Freiherrn v. Grubers zum Gouverneur und des Geheimen Rates Dr. Freiherrn v. Wimmer zum Vizegouverneur verlautbart."
Der 1842 geborene und aus großbürgerlichem Haus stammende Menninger war Mitglied des sozialdemokratisch geprägten Vereins "Die Flamme", die sich im katholisch geprägten Österreich für die in der Monarchie verbotene Feuerbestattung einsetzte. Ignaz Gruber Freiherr von Menningers sterbliche Überreste wurden deshalb in das heute in der Tschechischen Republik liegende Reichenberg (Liberec) überführt, wo sich das erste und einzige Krematorium auf dem Boden des ehemaligen Habsburgerreiches befand (erbaut 1915-1917).
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Der Tod des Gouverneurs Dr. Freiherrn v. Gruber (Fremdenblatt vom 18. März 1919)
Am 19. März 1919 trat Rita Sachetto gemeinsam mit Fritz Grünbaum und Richard Waldemar in der von Leo Ascher komponierten "ulkigen Pharaonenoperette Ramsenit […] voll drastischem Humor" auf. Das interessante Blatt berichtete über die die Tanzeinlagen der Sachetto im Wiener Varieté Ronacher:
"Im Varietéteil sind die Tanzproduktionen Rita Sachetto billig in den Vordergrund zu stellen. Charakteristisch und voll körperlicher Anmut weiß die Künstlerin durch ihre Tanzschöpfungen das Publikum zu fesseln."
Die 1880 in München geborene und von Isadora Duncan inspirierte Rita Sachetto kam bereits vor dem Ersten Weltkrieg nach Wien, wo sie als Tänzerin von Erfolg zu Erfolg eilte. Künstler, unter ihnen Josef Hoffmann, Gustav Klimt oder Koloman Moser, lagen ihr zu Füßen. 1908 tourte sie durch Nord- und Südamerika und trat sogar an der Metroplitan Opera in New York auf. 2 Jahre späte absolvierte sie eine Tournee durch das kaiserliche Russland. Während des Weltkriegs drehte sie in Dänemark Filme für das Filmunternehmen Nordisk. Nach dem Krieg trat sie immer wieder in Wien auf, unter anderem 1922 – wieder im Ronacher – in einem Sketch mit dem anrüchigen Titel "Cocain". 1930 heiratete Sachetto den polnischen Grafen Zamoyski, zog mit ihm nach Polen. Wenig später übersiedelte das Paar nach Genua, wo Rita Sachetto 1959, im 79. Lebensjahr stehend, verstarb.
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Theater und Vergnügungen (Theaterprogramm im Neuen Wiener Journal vom 19. März 1919)
Am 20. März 1919 fand in Innsbruck eine lebhafte Sitzung der Tiroler Landesversammlung statt, in der auch über die Zukunft des Tiroler Achensees debattiert wurde, wie der Arbeiterwille kursorisch vermerkte:
"Über den Antrag, den Achensee zur Ausnützung seiner Wasserkräfte durch das Land anzukaufen, entstand eine lebhafte Debatte, die in der Nachmittagssitzung fortgesetzt werden wird."
So wie auch andernorts in Österreich, etwa in dem an Seen reichen Kärnten, wurde das Thema Wasserkraft nach dem Ersten Weltkrieg immer wichtiger, da dem Staat durch die Grenzziehungen von 1919 kaum andere Ressourcen zur Energiegewinnung zur Verfügung standen. In Tirol bot sich der Achensee für ein Speicherkraftwerk an.
Der erste urkundlich nachweisbare Eigentümer des Sees war die Abtei St. Georgenberg-Fiecht, die allerdings Mitte des 15. Jahrhunderts dazu gezwungen wurde den See an Herzog Siegmund zu verpachten. In den Jahrhunderten danach blieb der See zwar im Eigentum der Abtei, wurde aber durchgehend von den Landesfürsten genutzt, sodass der Eindruck entstand, es handle sich um herrschaftliches Eigentum. 1775 sollte der See dann tatsächlich zusammen mit anderen landesfürstlichen Fischereigewässern versteigert werden, wogegen sich die Abtei St. Georgenberg-Fiecht erfolglos zu wehren versuchte. Schließlich ersteigerte die Abtei selbst die Nutzungsrechte am Achensee.
1919 musste die Abtei den See unter Druck an die Stadt Innsbruck verkaufen, die 1924 die Tiroler Wasserkraft Aktiengesellschaft gründete, um den See für den Betrieb eines Speicherkraftwerks zu nutzen. Das Achenseekraftwerk wurde 1927 eröffnet und war zu diesem Zeitpunkt das größte Speicherkraftwerk Österreichs.
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Aus der Tiroler Landesversammlung (Arbeiterwille vom 22. März 1919)
Am 20. März 1919 dementierte Korvettenkapitän Emmerich Schonta von Seedank, Hausverwalter von Kaiser Karl in dessen niederösterreichischen Jagdschloss Eckartsau, dass Karl beabsichtige mit seiner Familie das Land zu verlassen und dafür in der Schweiz bereits vorgefühlt hätte. Tags darauf wurde aber von der Regierung klargestellt, dass es tatsächlich Gespräche mit der Schweizer Regierung gegeben habe und die Schweiz der Aufnahme Karls zustimme. Der Grund, warum die Regierung auf Karls Ausreise drängte wurde in Der Neuen Zeitung vom 21. März 1919 ausführlich dargestellt:
"Der gewesene Kaiser hat in seinem Verzicht vom 11. November 1918 bloß erklärt, sich der Regierungsgeschäfte zu enthalten und im übrigen sich der Entscheidung, die Deutschösterreich über seine künftige Staatsform trifft, zu fügen. Die Konstituante hat nun gesprochen und diese Entscheidung ist inappelabel. Die nächste Konsequenz wäre die freiwillige Abdankung für die Person des Kaisers wie für das ganze Haus Habsburg. Da diese bis zur Stunde aussteht, widerspricht das Verhalten von Eckartsau den Staatsgesetzen. Von dieser Rechtsauffassung ist Eckartsau unterrichtet, ohne daß die Staatsregierung es für notwendig gefunden hätte, irgend einen Druck auszuüben. Was die Sicherheitsverhältnisse von Eckartsau betreffen, so konnte sich der Exkaiser darüber nie beklagen. Doch gilt natürlich der staatliche Schutz nur dem gesetzlichen, aber nicht dem ungesetzlichen Verhalten des einzelnen und nur dem Staatsbürger, der nach den Gesetzen des Landes lebt. Außerdem darf nicht vergessen werden, daß Deutschösterreich mit den Nachbarstaaten in Frieden und Freundschaft leben will und es darum nicht zulassen kann, daß Bewohner des Landes gegen die Nachbarrepubliken sich Herrscherrechte anmaßen, die unserem Lande zur Verlegenheit werden können."
Die Ausreise Karls, gemeinsam mit seiner Ehefrau Zita und ihrer Kinder erfolgte tatsächlich wenige Tage später: Am Abend des 23. März 1919 verließ der "Hofzug" den heute aufgelassenen Bahnhof Kopfstetten im niederösterreichischen Marchfeld, um tags darauf die Schweiz zu erreichen.
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Eckartsau (Die Neue Zeitung vom 21. März 1919)
Am 22. März 1919 würdigte das Wiener Salonblatt den begeisterten Schifahrer Gustav Klein-Doppler:
"Als Präsident des österr. Skivereins hat sich Dr. v. Klein bedeutende Verdienste nicht nur um den Verein als solchen erworben, sondern auch um die Verbreitung und Popularisierung des Skilaufes in Österreich. Während des Weltkrieges leistete Dr. v. Klein vom Dezember 1914 bis Februar 1915 freiwillig Dienste als Skilehrer in Mariazell bei den Skikursen des Militärkommandos Wien. Später assentiert und dem Feldhaubitzenregiment Nr. 13 zugeteilt, fand er auch weiterhin Verwendung als Militärskilehrer des Wiener Militärkommandos. Bei der Lawinenkatastrophe am 19. Februar 1916 am Hochkönig entging er nur durch ein Wunder dem Tode."
Der Enkel des berühmten Physikers Christian Doppler, der Rechtsanwalt Gustav Klein-Doppler, war seit 1910 Präsident des Österreichischen Schi Vereins in Wien, der dem Dachverband "ÖSV – Österreichischer Schi Verband" angehörte. Als der ÖSV im Jahr 1923 den "Arierparagraphen" einführte, und damit jüdische Sportlerinnen und Sportler ausschloss, verließ der Österreichische Schi Verein auf Initiative Klein-Dopplers den ÖSV und gründete 1924 gemeinsam mit anderen weltoffenen Vereinen den "Allgemeinen österreichischen Schiverband", dem vom internationalen Schiverband FIS das alleinige Recht zugesprochen wurde internationale Veranstaltungen, vor allem Weltmeisterschaften und Olympische Spiele, mit österreichischen Athletinnen und Athleten zu beschicken. Gustav Klein-Doppler wurde zum Vorsitzenden des neuen Verbandes gewählt. Der ÖSV blieb wegen des "Arierparagraphen" von internationalen Wettkämpfen ausgeschlossen.
Als sich nun die olympischen Winterspiele 1928 näherten, traf Klein-Doppler eine verheerende Entscheidung, die seine Karriere als Spitzenfunktionär des Schiverbandes jäh beenden sollte: er unterstützte die Einführung des "Arierparagraphen" in seinem Stammverein. Klein-Dopplers Argumentation für die Einführung des "Arierparagraphen" im Österreichischen Schi Verein, die sowohl auf liberaler als auch auf deutschnationaler Seite auf Ablehnung stieß, war folgende: Dadurch, dass ein einziger Mitgliedsverein des Allgemeinen österreichischen Schiverbandes den deutschnationalen, antisemitischen Standpunkt einnähme, aber im weltoffenen Allgemeinen Dachverband verbliebe, würden deutschnationale Schisportlerinnen und -sportler die Gelegenheit bekommen diesem Verein beizutreten, um so an den kommenden Olympischen Spielen teilzunehmen, bei denen ihr bisheriger Verband, der antisemitische ÖSV, ja ausgeschlossen war.
Da die Situation aufgrund Klein-Dopplers Vorgehen völlig verfahren war, musste das Bundesministerium für Unterricht, wohin auch die Sportagenden ressortierten, vermittelnd eingreifen. Und tatsächlich wurde eine ungewöhnliche, aber für beide Seiten befriedigende Lösung gefunden: Es wurde ein weiterer Dachverband für die beiden bestehenden Dachverbände gegründet, der den Namen "Österreichische Skidelegation" erhielt. In diese "Skidelegation" entsandten beide Dachverbände gleich viele Delegierte, die alle Entscheidungen einhellig treffen mussten, sodass keiner der beiden Dachverbände den jeweils anderen überstimmen konnte. Somit konnten Schisportlerinnen und -sportler beider Verbände an den Olympischen Spielen 1928 teilnehmen.
Die Teilnahme an den Olympischen Spielen in St. Moritz war die erste in der Geschichte der Republik, bei der Österreich mit 3 Silber- und einer Bronzemedaille den 7. Rang erreichte; Platz 1 ging an Norwegen mit 6 Gold-, 4 Silber- und 5 Bronzemedaillen.
Gustav Klein-Doppler sollte noch einmal, aber nur für ganz kurze Zeit, an die Spitze des Österreichischen Schiverbandes zurückkehren. Am 6. Februar 1938 kam es nämlich im Rahmen eines internationalen Schisprungwettbewerbs auf der Sattnitz bei Klagenfurt zu nationalsozialistischen Kundgebungen, die ernste Folgen hatten:
"Wie die Amtliche Nachrichtenstelle mitteilte, begleitete ein Teil der Zuschauer jeden Aufruf eines reichsdeutschen Springers mit demonstrativem Beifall, während die ausgezeichneten Leistungen der Oesterreicher mit eisigem Schweigen aufgenommen wurden. Nach Beendigung des Springens sangen illegale Elemente verbotene nationalsozialistische Lieder, wobei es zu kleinen Reibungen mit anderen Zuschauern kam." (Der Landbote vom 12. Februar 1938)
Als Reaktion auf die nationalsozialistischen Ausschreitungen wurden 2 Funktionäre des veranstaltenden Kärntner Schivereins verhaftet und die Führung des ÖSV ausgewechselt, wobei Klein-Doppler zum Vorsitzenden des Verwaltungsausschusses des ÖSV ernannt wurde.
Während und nach dem Zweiten Weltkrieg wirkte Klein-Doppler als Rechtsanwalt. Er verstarb im Alter von 89 Jahren und wurde am 6. Juni 1969 am Wiener Zentralfriedhof begraben.
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Dr. Gustav von Klein (Wiener Salonblatt vom 22. März 1919)
Am 23. März stellte Das interessante Blatt seinen Leserinnen und Lesern unter der Rubrik "Praktisches fürs Haus" einen neumodischen "Polier- und Abwischapparat" vor:
"Vielseitig verwendbar ist dieser Polier- und Abstaubapparat. Er besteht aus einer schräg eingelassenen langen Stange, einem Metalldeckel und einem großen Kreis dicker Baumwollfäden. Die lange Stange ermöglicht ein Abstauben, Fegen, Bohnern und Polieren aller Fußböden und, was besonders wichtig ist, aller Möbel. Zum Bohnern und Polieren wird eine besondere Wachsmasse dem Apparat beigefügt. Staub, Schmutz entfernt man durch einfaches Abschütteln der Baumwollfäden. Die Reinigung der letzteren vom Wachs und der Schmutzmasse geschieht durch Ausseifen der Fäden. Diese sind im übrigen äußerst lange haltbar, wie auch der ganze Wischer sehr solide gebaut ist."
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Ein Polier- und Abwischapparat (Das interessante Blatt vom 23. März 1919)
Am 24. März 1919 um etwa 17 Uhr passierte der Sonderzug mit dem ehemaligen Kaiser Karl und dessen Familie die österreichisch-schweizerische Grenze in Buchs, Vorarlberg, womit die Ära der Habsburger in Österreich endgültig vorüber war. Schon seit Dezember 1918 hatte die Regierung den ehemaligen Kaiser dazu gedrängt entweder formell abzudanken oder das Land zu verlassen, um diplomatische Konflikte mit den neuen Nachbarstaaten zu vermeiden. Karls Hofhaltung im Jagdschloss Eckartsau östlich von Wien verursachte außerdem hohe Kosten, da zu seinem Schutz ein eigenes Polizeikommissariat in Eckartsau unterhalten werden musste, und andererseits kam es angesichts der Hungersnot immer wieder zu Kritik an den vergleichsweisen luxuriösen Bedingungen am "kaiserlichen Hof".
Da sich Karl zu keinem formellen Thronverzicht durchringen konnte, blieb ihm keine Wahl, außer das Land zu verlassen. Dabei wurde er vom britischen König Georg unterstützt, der sich Sorgen um die Sicherheit der ehemaligen kaiserlichen Familie machte; gerüchteweise fühlte sich der britische Monarch am Schicksal der russischen Kaiserfamilie mitschuldig, der er 1918 kein Asyl in England gewähren wollte, und die wenig später in Jekaterinburg ermordet wurde. Zwar war Karl Habsburg-Lothringen Anfang 1919 nicht unmittelbar bedroht, aber die Ausrufung der Räterepublik in Ungarn, nur wenige Kilometer von Eckartsau entfernt, verhieß wenig Gutes.
Bereits eine Woche vor der Abreise des ehemaligen Monarchen, ersuchte der britische Generalstab die österreichische Regierung um die Bereitstellung von Zugsgarnituren, darunter auch den Hofzug, vorgeblich um Entente-Personal aus dem revolutionären Ungarn in Sicherheit zu bringen. Die Züge wurden auf der Strecke zwischen Wien-Hütteldorf und Wien-Westbahnhof "ausprobiert" und kleinere Mängel behoben. Am 23. März 1919 wurde einer davon in das niederösterreichische Kopfstetten bei Eckartsau überstellt, von wo er den in den Medien als "Exkaiser" titulierten Karl und dessen Familie in die Schweiz bringen sollte. Die Abreise sollte noch am 23. März erfolgen, wovon die deutschösterreichische Regierung erst wenige Stunden vorher formell informiert wurde.
Gegen 19 Uhr verließ der Sonderzug mit der ehemals kaiserlichen Familie Kopfstetten und wurde über Stadlau, Simmering und Ober-St.-Veit nach Wien-Hütteldorf geführt, wo die Lokomotive gewechselt wurde:
"Sonntag um 9 Uhr 40 Minuten abends traf der Sonderzug, der aus vier Salon-, einen Schlaf-, einen 1. Klasse-, einen Küchen- und zwei großen Gepäckwagen bestand, von Kopfstetten kommend, auf dem Hütteldorfer Bahnhof ein. Dort erfolgte der erste Maschinenwechsel. Nach 10 Minuten Aufenthalt während dem der den Zug begleitende englische Offizier wie die englische Begleitmannschaft auf dem Bahnsteig auf und abgingen, setzte der Sonderzug die Reise fort […] Der Wachdienst auf dem Hütteldorfer Bahnhof wurde von einer verstärkten Detektivabteilung seit Sonntag mittags versehen […] Fast zur selben Stunde, als der Sonderzug in Hütteldorf einlief, traf vor dem Bahnhof ein ehemaliges kaiserliches Auto ein und wartete bis zur Abfahrt des Zuges. Das Auto kam ohne Insassen und fuhr auch leer wieder ab... Welchen Zweck die Anwesenheit dieses Automobils hatte, ist nicht bekannt. Selbstverständlich knüpfen sich daran die seltsamsten Vermutungen, deren Stichhältigkeit nicht geprüft werden kann. Man hält es nicht für ausgeschlossen, daß der Kraftwagen bereit stand, um bei allfälligen Zwischenfällen in ihrer Sicherheit bedrohten Persönlichkeiten zur Flucht zu verhelfen."
Von Wien-Hütteldorf ging es über Selztal – die ursprüngliche Route über Linz wurde wegen Sicherheitsbedenken verworfen –, Bischofshofen und Innsbruck an die Schweizer Grenze, die am am späten Nachmittag des 24. März 1919 bei Buchs überquert wurde. Unmittelbar vor der Überquerung der Grenze nahm Karl in seinem in seinem verbitterten "Feldkircher Manifest" alle Zusagen zurück, die er der deutschösterreichischen Regierung seit Oktober 1918 gemacht hatte.
Link:
Enthüllungen über die Abreise der Kaiserfamilie (Illustrierte Kronen-Zeitung vom 25. März 1919)
Weiterlesen: Das Feldkircher Manifest des ehemaligen Kaisers Karl vom 24. März 1919 (PDF)
Im Neuen Wiener Tagblatt erschien am 25. März 1919 eine kurze Meldung über den angeblich unmittelbar bevorstehenden Abbruch einer bekannten Wiener Kirche, die aufgrund ihrer Lage immer wieder Verkehrsbehinderungen verursachte:
"Im Voranschlage der Bezirksvertretung Margareten wurde die Demolierung der Matzleinsdorfer Kirche vorgesehen, weil sie mitten in der Straße steht, dieselbe in zwei enge Teile teilt und daher ein Verkehrshindernis bilde. Im Klieberpark soll die Kirche neu aufgebaut werden."
Tatsächlich wurde der als "Rauchfangkehrerkirche" bekannte Barockbau aus dem Jahr 1725 – hier fanden traditionell die Umzüge der Wiener Rauchfangkehrer statt – erst 46 Jahre später abgetragen, nämlich im Jahr 1965, als der Individualverkehr die Stadt in den Wirtschaftswunderjahren nach dem Zweiten Weltkrieg fest im Griff hatte. Die Kirche stand nämlich auf einer Insel inmitten der Wiedner Hauptstraße, sodass es dort immer wieder zu Verkehrsstauungen kam.
Schon 1787 sollte das Gebäude erstmals abgebrochen werden, allerdings scheiterte Kaiser Joseph II, der die Demolierung verfügt hatte, am Widerstand der Bevölkerung. 1907 gab es neuerlich Überlegungen die Kirche durch einen am Fahrbahnrand anzulegenden Neubau zu ersetzen. Da aber kein passender Bauplatz gefunden werden konnte, wurde der Abbruch immer wieder aufgeschoben. Sanierungsarbeiten wurden nach der letzten Renovierung im Jahr 1900 keine mehr durchgeführt und ein Brand im Jahr 1925 setzte der Bausubstanz weiter zu.
Schließlich bat die Erzdiözese Wien die Wiener Stadtregierung 1953 um Unterstützung bei der Grundstückssuche für den Bau einer neuen Kirche in der Wiedner Hauptstraße. Die Stadt Wien konnte tatsächlich ein Grundstück in unmittelbarer Nähe zur alten Kirche zur Verfügung stellen und erhielt von der Erzdiözese, die auch den Abbruch der alten Kirche finanzierte, im Tauschweg den Grund, auf dem die "Rauchfangkehrerkirche" stand. Das Bundesdenkmalamt erhob keinen Einspruch. Unmittelbar vor den Abbrucharbeiten kam es zwar zu einer Unterschriftenaktion gegen den Abbruch, die aber erfolglos blieb.
Link:
Demolierung der Matzleinsdorfer Kirche (Neues Wiener Tagblatt vom 25. März 1919)
Am 26. März 1919 berichtete Der Neue Tag von einem Konzert der erst 12-jährigen aus Ungarn stammenden Geigenvirtuosin Erna Rubinstein, die das Wener Publikum 1919 Sturm eroberte. Ihre Darbietung eines Violinkonzertes des russischen Komponisten Alexander Gazunov stieß allerdings auf verhaltene Kritik:
"Erna Rubinstein, wohl das bedeutendste Wunderkind der Gegenwart, hat mit dem undankbaren und dabei unerhört schwierigen Violinkonzert von Glazunow nicht den gleich stürmischen Beifall verblüffter Zuhörer erzielt, wie unlängst nach dem Vortrag des Mendelssohnschen Konzertes. Die Ursachen dafür liegen in der mangelhaften Akustik des großen Konzerthaussaales und in der ein wenig zu fadenscheinigen Arbeit, in deren thematischem Geflechte der Reproduzierende sich leicht verwirrt."
Nachdem Erna Rubinstein in Wien zur gefeierten Violinenvirtuosin aufgestiegen war, verließ sie Österreich und tourte durch Westeuropa, Skandinavien, Kanada und durch die Vereinigten Staaten. In Washington trat sie sogar im Weißen Haus auf und gab Präsident Harding ein privates Konzert. Rubinstein, die jüdischer Herkunft war, lebte bis 1937 in Budapest und emigrierte im Oktober 1937 in die Vereinigten Staaten, wo sie 1952 in Pittsburg verstarb.
Links:
Erna Rubinstein, wohl das bedeutendste Wunderkind der Gegenwart (Der Neue Tag vom 26. März 1919)
Weiterlesen: Erna Rubinstein spielt Felix Kreislers Arrangemant der Chaminade Serenade Espagnole (Youtube-Video)